TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Auf ein Wort

November 2025


Der November hat uns gezeigt, wie sich Menschen zu Statisten im eigenen Leben entwickeln. Es reicht, die Vorsehung mit einer Portion Motivation zu verkaufen.

Zum Beispiel durch einen Workshop: „Kommunikation in schwierigen Zeiten“. Am Ende haben alle gelernt, synchron mit den Schultern zu zucken. Nicht widersprechen, nicht zustimmen, einfach nur minimal zucken – ein Reflex, der aussieht wie Gelassenheit und sich anfühlt wie Aufgabe. Erlernte Gleichgültigkeit als neue Basiskompetenz.

Wo früher Anstandsdamen die Tugend retteten, indem sie Gespräche beendeten, wenn sie zu lebendig wurden, erfüllen heute Plattformen mit Sicherheitsfeatures, wie Filter und Algrorithmen diese Aufgabe. Sie hören mit, loggen mit, speichern mit. Wer aus der Küche ins Wohnzimmer geht, bekommt eine Push-Nachricht: „Wir haben einen Ortswechsel festgestellt.“ Alles, was sich nicht nachverfolgen lässt, gilt als verdächtig.

Jeder Schritt, jeder Klick, jeder Standort wird mit Fragezeichen umstellt. Privatsphäre war gestern, heute heißt das Vorsehung: Man will dir nur helfen, du sollst dankbar sein, dass so viel Fürsorge über dich wacht.

Neben der Vorsehung und der sozialen Fürsorge sorgt die Entschleunigung eines ganzen Institutionsapparates für einen ausgeglichenen, einheitlichen Tritt. Was selbst durch Astrophysik erklärt werden kann, klingt nach Allgemeingültigkeit.


Über all dem liegt immer derselbe Satz, in Varianten: „Es ist zu deinem Besten.“ Man muss nur lange genug wiederholen, dass alles „für uns“ geschieht, bis wir anfangen, unser eigenes Zucken als freie Entscheidung zu empfinden.


Ich habe im November die Vorsehung zum Monatswort gemacht. Vorsehung ist das Etikett, mit dem man Fremdbestimmung einpackt, bis sie aussieht wie Fürsorge.

Wer Klarheit will, muss sich fragen: Was ist wirklich „für mich“ – und was ist nur „für meine bessere Handhabung“? Was schützt mich – und was macht mich lediglich berechenbar? Wo beginnt Verantwortung – und wo endet der Reflex, alles einer unsichtbaren Instanz zuzuschreiben, die es schon richten wird?