TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Auf ein Wort

Oktober 2025


Der Oktober war ein Monat voller Etiketten, die es erlauben, Inhalte effektiv zu vermeiden.

Es ist die perfekte Tarnsprache für ein System, das lieber Rollen verwaltet als Verantwortung übernimmt. Jobtitel als Nebelmaschine: Je größer der Qualm, desto kleiner darf die Frage nach der Wirkung ausfallen. Die Welt wirkt plötzlich hochqualifiziert. Man gibt sich gebildet, obwohl da immer noch Eimer, Lappen und Tonnen stehen. Wer die Codes nicht kennt, steht vor einer Wand aus Buchstabenmörtel. Effizienz ist der vorgeschobene Zweck, Ausschluss der praktische Effekt. Man könnte meinen, Würde und Respekt entstünden durch Silbenzuwachs. Oder durch die Hoffnung, dass niemand mehr genau hinschaut, solange alles nach Verordnung klingt.

Dasselbe Spiel läuft auch über den Köpfen: Politiker als „Gesellschaftsmeinungs- und Versprechens-Manager im Legislaturzyklus“, Beamte als „paragrafenbasierte Prozess-Stabilisierungsagenten“.


Das ist nicht neu. Schon in der Antike zählte man Worte und verwechselte Fülle mit Tiefe. Im Mittelalter wurde Heiligkeit auf Pergament gestempelt, während ein Kopist zwischen den Zeilen Ketzerei notierte. Um 1900 saß die Ironie im Kaffeehaus und wurde als Stilfrage verhandelt. Und heute jagt man durch Datenströme, in denen „Content“ König sein soll, obwohl die Welt überwiegend aus recycelten Phrasen besteht.

Zwischendrin macht sich jemand einen Gedanken. Er wirkt wie ein Riss im Lack. Ein Moment, in dem das Etikett nicht mehr trägt.


Vielleicht ist das der eigentliche Oktober-Lerneffekt: Etiketten sind nie neutral. Sie entscheiden, was sichtbar wird – und was nicht.

Etiketten können schützen: vor Geringschätzung, vor Herabwürdigung, vor bewusst verletzender Sprache. Aber sie können genauso tarnen: Machtmissbrauch, Faulheit, Feigheit, Verantwortungslosigkeit. Und manchmal erdrücken sie einfach nur die Wirklichkeit unter ihrer Schicht aus angelerntem Vokabular. Die Etiketten haben sich modernisiert, der Mechanismus nicht: Man tauscht nur die Aufkleber auf denselben Dosen. „Heilig“, „objektiv“, „neutral“, „effizient“, „innovativ“. Worte als Sicherheitsaufdruck, die verhindern sollen, dass jemand den Inhalt prüft.


Die ehrlichste Frage im Oktober lautet nicht: „Wie nennen wir das jetzt korrekt?“ Sondern: „Was passiert, wenn wir das Etikett abziehen?“

Ich löse Etiketten, bis der Kleber nachgibt. Wenn dabei ein paar Hochglanztitel reißen, ist das kein Kollateralschaden, sondern der Beginn von Klarheit. Und falls jemand fragt, wie man das höflich sagt: Gar nicht. Wahrheit braucht keine Verpackung.