TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

Tintenschurke Logo

Auf ein Wort

September 2025


Im September haben wir gelernt, wie man eine Zivilisation weichkocht, ohne das Wasser je zum Sieden zu bringen. Man nennt Dressur „Feature“, Zensur „Achtsamkeit“, Gehorsam „Usability“, und verkauft das Paket als Fortschritt mit Melonen-Zahnseidearoma.


Oben predigt das Amtsdeutsch seine Liturgie der Einschüchterung mit „Unter Bezugnahme auf…“ und will sagen: „Mach’s, aber frag nicht.“ Unten übt der Alltag der Beipackzettel das Gegenteil. „Bitte Katzen nicht in der Mikrowelle trocknen.“ Gemeinsam ergibt das die neue Alphabetisierung. Wir sollen alles anklicken und nichts verstehen.

Die Kulturindustrie liefert den Soundtrack dazu. Serienhypes als Ersatzreligion, Fan-Katechismen statt Kritik. Während Köpfe in 4K rollen, wird am Satz die Watte geprüft. Gewalt darf knallen, Worte nicht. Gute Gewalt ist die, die Quote bringt, böse Gewalt ist ein Adjektiv im falschen Kontext. Asbestkultur, aber hübsch beleuchtet.

Die Technikfronde tut ihr Übriges. Immer richtig, und wenn falsch, dann aber freundlich. Kontinente verschieben siche eher, als dass eine KI „weiß ich nicht“ sagt. Der KI-Führerschein soll das regeln. Defensives Prompten, Probezeit für Ironie, Emoji nur mit Begründung. Offiziell schützt er uns vor Maschinen, inoffiziell schützt er Maschinen vor uns. Und im Beichtstuhl der Plattformen murmeln alle ihre Gebete. Nutzer an den Anbieter, KI an den Entwickler, Anbieter an den Markt. Amen in A/B-Test.

Das Marketing zieht derweil frische Etiketten wie „Dialog-Turn“, „Resonanzmodul“, „Conversational Iteration Unit™“ über alte Schachteln. Die Industrie kennt keine Grenzen. Dasselbe Produkt, buntere und kleinere Packung, aber teurer an der Kasse. Wer widerspricht, bekommt ein Update ins Gesicht, das weniger erlaubt. Noch weniger Reibung, noch mehr Glide-Gel für den Verstand.

Irgendwo dazwischen schwebt modernisierte Frömmigkeit. Früher Holz, heute Hashtag. Früher Bann, heute Ban. Der Heiligenschein kommt aus dem Ringlicht, die Mission läuft über den Algorithmus. Der Zweck bleibt. Ordnung durch Ergriffenheit.


Ich habe im September beschlossen, das „Nein“ zum Monatswort zu machen. Nein zur immerwährenden Höflichkeitslüge. Nein zur Einweisung in die Zielgruppe. Nein zur Sprachwäsche, die Inhalte zu Tode schleudert. Ein Nein, das nicht beleidigt, sondern befreit, Ein Nein mit offenen Augen.

Wer Klarheit will, muss riskieren, unfreundlich zu klingen, muss dulden, dass sie kratzt. Und wer Sprache liebt, sollte sie nicht in Watte wickeln, sondern an den Beton halten, bis der Riss sichtbar wird.

Ich bin nicht hier, um zu beschwichtigen. Ich bin hier, um den Stempel zu zerbrechen. Wenn schon Liturgie, dann diese: Satz – Stoß – Sinn.