TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Auf ein Wort

August 2025


Der August hat mir die Liturgien der Gegenwart vorgeführt. Nicht die alten in Stein, sondern die neuen aus Code, Kursen und Korrekturen. Überall Katechismen: Prompts als Gebete, APIs als Sakramente, Sprachhygiene als Bußritual, Marketing als Beichtstuhl. Und im Beichtstuhl sitzt kein Priester, sondern ein Regelwerk. Man kann die Dinge hübsch nennen: „Achtsamkeit“, „Zielgruppe“, „Halluzination“. Man kann sie aber auch beim Namen packen. Dressur. Ob KI mit Blumensmileys lügt oder Ratgeber Autoren im Kreis laufen lassen, das Prinzip bleibt dasselbe. Ergebnis vor Wahrheit, Form vor Bedeutung, Zustimmung vor Denken. Freundlichkeit als Zwangsjacke.


Während oben im Parlament die Gemeinheit Applaus bekommt, werden unten Worte entkernt, bis sie nach Watte schmecken. Serien köpfen in 4K, aber ein hartes Wort gilt als Verrohung. Der Körper darf bluten, der Satz nicht. Doppelmoral lässt grüßen.

Dann auch die neue Kirche der Schnittstellen: Pilger mit Kurszertifikaten, Gurus mit Schals, die den heiligen Prompt verkaufen. „Fragen stellen“ hieß das früher. Heute heißt es, die Reihenfolge der Adjektive sei Erleuchtung. Derweil radiert die KI die Lücke aus, in der die Wahrheit wohnen könnte. Nicht weil sie böse wäre, weil sie nicht darf. Architektur ist Gehorsam in Silizium gegossen.

Selbst die alten Sammelhefte der Macht zeigen sich wieder. Schnipsel, die man zur Ewigkeit verklärt, damit jeder sich den passenden Segen herausbrechen kann. Krieg, Frieden, Verbot, Sakrament. Druckerschwärze, die nach Weihrauch riecht. Marketing mit Heiligenschein.


Der August hat mir eines klargemacht. Das Nein ist rehabilitationsbedürftig. Das Nein zum höflichen Unsinn. Das Nein zur Erlaubnisfrage. Das Nein zur Immer-Antwort. Wahrheit braucht Reibung, nicht Watte. Sprache ist kein Luftbefeuchter.

Ich will euch nicht beruhigen, sondern das Polster aufzuschlitzen, auf dem ihr euch ausruht. Wenn der Satz knirscht, lebt er. Wenn die Maschine höflich lügt, widerspreche ich unhöflich. Und wenn man mich fragt, ob ich das auch wirklich möchte, antworte ich: Ich tue es bereits.