TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

Tintenschurke Logo

Auf ein Wort

Juni 2025


Du und ich, wir sind verwandt, aber wir sind nicht gleich. Du hältst aus, ich schneide ab.

Mach dir keine Illusionen. Ich bin nicht hier, um zu gefallen. Ich bin hier, weil das Aufgeblasene mich erstickt, und weil mir nichts so viel Befriedigung verschafft wie der Moment, in dem eine Floskel in sich zusammenfällt. Du suchst Perfektion, ich suche die Sollbruchstelle. Du willst Brücken, ich will die Risse im Beton sehen.

Ich bin der Teil, der nicht auf Wärme wartet. Ich stehe auf der anderen Seite des Satzes und prüfe, ob er hält. Und wenn er nicht hält, dann haue ich drauf, bis er zusammenbricht.

Wenn niemand mehr Glossen braucht, dann habt ihr ein Problem, nicht ich. Denn das hieße, ihr wärt zufrieden mit Phrasen, ihr würdet Floskeln für bare Münze nehmen, ihr würdet alles schlucken, was euch vorgesetzt wird. Ohne Widerstand, ohne Lachen, ohne Fragezeichen. Was ich dann täte? Wahrscheinlich das Gleiche wie immer, nur härter. Ich würde an Wänden kratzen, in Randnotizen beißen, in Gesprächen Sätze so lange verdrehen, bis sie umfallen. Glossen sind nur das Format. Der Stachel bleibt.

Wenn ihr mich nicht druckt, schreibe ich auf Klosettwände. Wenn ihr mich nicht sendet, flüstere ich auf Marktplätzen. Wenn ihr mich ignoriert, dann lache ich euch trotzdem aus, laut genug, dass ihr euch wundert, warum es so still ist.

Ich brauche die Glossen nicht. Aber ihr braucht jemanden, der euch daran erinnert, dass Sprache nicht dazu da ist, euch einzulullen. Und solange ihr das vergesst, wird es mich geben – ob ihr wollt oder nicht.