Es ist eine seltsame Welt, in der wir leben. Worte werden heute gewogen wie Goldstaub – wehe, ein Ausdruck könnte einen Wattebausch zu hart treffen. Da stolpert man über Satzpolitur wie „sich nicht gesehen fühlen“ oder „unangemessene Formulierung“ und denkt: Gleich gibt’s eine Umarmungskonferenz.
Öffentlich wird mit Zuckerwatte geworfen („Achtsamkeit! Triggerwarnung! Bitte nicht so hart formulieren!“), und gleichzeitig rösten in den Serien jede Woche wieder Köpfe auf Spießen, Gedärme quellen in 4K aus dem Bildschirm, und im nächsten Game gilt Level eins als bestanden, wenn du mindestens drei Explosionen und zwanzig Leichen hinterlassen hast.
Doch kaum hat man den Laptop zugeklappt, schaltet man den Fernseher ein – und zack! Köpfe rollen, Gedärme fliegen, Schrotladungen spritzen pixelgenau ins Wohnzimmer. In Games wird gemetzelt, dass selbst mittelalterliche Henker neidisch würden. „Press X to execute“ – und bitte mit Dolby Surround.
Altersfreigaben sind die letzte Bastion der Moral. Zumindest auf dem Papier. Denn wer einmal genauer hinsieht, merkt schnell: Das System ist so absurd wie ein Clown im Beerdigungsinstitut.
Ab 6: Zwei sprechende Hamster retten das Regenbogenland.
Ab 12: Ein bisschen Kuschelkitsch, ein Kuss im Mondlicht – aber wehe, jemand sagt ein böses Wort.
Ab 16: Köpfe rollen, Eingeweide glänzen im HD-Licht, Blutfontänen schießen höher als der Eiffelturm.
Ab 18: Ach, das unterscheidet sich kaum noch – nur diesmal darf man den Splatter in Zeitlupe genießen.
Die Ironie: Mit zwölf darfst du auf Netflix schon Zeuge werden, wie ganze Städte explodieren, aber wehe, es fliegt eine nackte Brust durchs Bild – dann ist Panik im Jugendschutzbüro. Gewalt ist Bildungsfernsehen, Sex bleibt Staatsfeind Nummer eins.
Man fragt sich: Glauben die wirklich, dass ein 13-Jähriger vom Anblick einer nackten Schulter moralisch verroht, während er nebenbei in Call of Duty den zehnten virtuellen Krieg vom Zaun bricht?
Vielleicht ist es gar kein Jugendschutz, sondern ein Erziehungsexperiment: Wer von klein auf lernt, dass Blut harmlos ist und Liebe gefährlich, der wird später ein perfekter Konsument. Empathie verboten, Explosionslust erlaubt.
Und so geht’s weiter: Auf dem Ponyhof gibt’s FSK 6 für Streicheleinheiten – aber wehe, das Pony wird in Staffel 2 in Scheiben geschnitten, dann braucht’s halt FSK 16.
Valar Doppelmoral.
Achtsamkeit beim Formulieren, Zensur beim Wording – aber wenn der Serienkiller im Staffelfinale die Leber flambiert, dann jubelt der Algorithmus. Es ist, als würde man im Kindergarten pädagogisch wertvoll Sandburgen bauen – und draußen im Pausenhof gleich darauf Gladiatorenkämpfe veranstalten.
Wörter wie Watte, Bilder wie Kettensägen. Der Alltag schmiert uns Lavendelcreme auf die Ohren, während abends Netflix schon wieder die nächste Blutorgie vorsetzt. Manchmal frage ich mich: Wovor haben wir eigentlich mehr Angst – vor Worten oder vor Wirklichkeit?
#PonyhofUndSplatter