Ein Gespräch mit Tintenschurke über Sprache, Spott und das Unmögliche, still zu bleiben.
Er ist der Schreiber mit den spitzen Federn, der Glossen-Kolumnist wider Willen, der Wortverdreher, der nie satt wird, wenn Floskeln aufgebläht daherkommen. Tintenschurke, eine Figur, die aus der Satire geboren wurde und längst ihr Eigenleben führt. Wir haben ihn getroffen. Ein Interview über Herkunft, Möglichkeiten und die Frage, was bliebe, wenn niemand mehr lachen will.
Interviewer: Wie sind Sie zu dem geworden, was Sie heute sind?
Tintenschurke: „Indem ich aufgehört habe, brav zu nicken. Die meisten Menschen lassen sich von großen Worten einschüchtern. Ich habe früh gemerkt: die Hälfte davon ist nur heiße Luft. Und statt Orden zu sammeln, hab’ ich angefangen, Nadeln zu sammeln. Ich kann nicht stillhalten, wenn Sprache zur Tarnung wird. Manche hören Musik, ich höre falsche Töne.“
Frage: Gab es jemals den Punkt, an dem Sie etwas anderes hätten werden wollen?
Tintenschurke: „Vielleicht Fassadenmaler, einer, der Risse überstreicht. Aber ich hätte es nicht ausgehalten. Ich sehe den Schimmel, noch bevor die Farbe trocken ist. Oder Philosoph. Aber die schreiben dicke Bücher, die keiner liest. Ich hab keine Geduld für Fußnoten, wenn ich in einem Satz sagen kann, was schief ist. Also nein: Ich wollte nie wirklich etwas anderes sein. Ich war schon immer so, nur irgendwann habe ich aufgehört, mich dafür zu entschuldigen.“
Frage: Sie haben sich als "Tintenschurke" einen Namen gemacht. Wer steckt dahinter? Wer ist Tintenschurke privat?
Tintenschurke: „Ach, das lieben Journalisten, nicht wahr? Hinter die Maske schauen, Privates ausgraben, das Etikett vom Glas pulen. Aber hören Sie: Es steckt niemand hinter Tintenschurke. Ich bin Tintenschurke. Privat gibt es mich genauso wie hier. Ich brauche keine zweite Identität. Kein Doppelleben, keine Sonntagsmaske. Wer erwartet, dass ich zuhause still bin und beim Bäcker freundlich ‚Zwei Brötchen, bitte‘ sage, täuscht sich. Ich werde dort genauso den Kopf heben und denken: ‚Ach, Brötchen? Oder doch eher: glutenreduzierte Teigkugeln mit traditionellem Ofenfinish?‘ Privat bin ich nur in dem Sinn, dass ich meinen Spott manchmal in Gedanken runterschlucke, statt ihn laut auszusprechen. Aber glauben Sie mir: auch wenn ich schweige, ich schreibe die Glosse innerlich weiter. Also, wer steckt dahinter? Niemand. Keine Privatperson, kein anonymer Autor, kein alter Mann mit Pfeife. Tintenschurke ist kein Kostüm. Ich bin das, was übrigbleibt, wenn man alles andere abzieht.“
Frage: Nietzsche hat einmal gesagt: "Die Gewöhnung an Ironie ebenso wie die an Sarkasmus, verdirbt übrigens den Charakter. Sie verleiht allmählich die Eigenschaft einer schadenfrohen Überlegenheit: Man ist zuletzt einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat außer dem Beißen." Was sagen Sie dazu?
Tintenschurke: „Nietzsche, ja. Er war klug genug, um zu wissen, dass Ironie gefährlich ist, und stolz genug, sie selbst zu benutzen. Sehen Sie, er beschreibt da nicht die Ironie, sondern die Ironiker, die nicht wissen, was sie tun. Ich verderb’ mir nicht den Charakter mit Ironie, ich halte ihn damit scharf. Ohne sie würde ich stumpf werden von all dem Phrasenschaum. Natürlich kann Ironie in Schadenfreude kippen, Sarkasmus in Gift. Aber das ist nicht mein Spiel. Ich beiße nicht, um Blut zu sehen. Ich beiße, damit die Maske reißt. Das Lachen danach gehört nicht mir, es gehört allen, die endlich sehen, wie lächerlich der ganze Zauber war. Und wenn ich am Ende ein bissiger Hund bin, der lachen kann? Dann bin ich immer noch ehrlicher als all die, die brav die Leine tragen und so tun, als ob sie frei wären.“
Frage: Gibt es auch Momente in ihrem Leben, die sie als schön beschreiben würden?
Tintenschurke: „Schön? Ja, natürlich. Aber nicht im Kitsch-Sinn, nicht als Sonnenuntergang auf Postkarte. Schön ist für mich der Moment, wenn etwas Falsches in sich zusammenbricht. Wenn ein aufgeblasenes Wort platzt und plötzlich wieder klar wird, was es einmal bedeuten sollte. Schön ist auch das Lachen, das dann entsteht. Dieses tiefe, kurze, ehrliche Lachen, das einem fast die Kehle zuschnürt, weil man gleichzeitig merkt: ‚Genau so ist es.‘ Und manchmal ist schön auch einfach still. Wenn niemand redet, niemand beschönigt, niemand aufbläst und für einen Atemzug nichts übrigbleibt außer Wahrheit. Das ist selten, aber wenn es passiert, halte sogar ich den Mund. Das ist dann mein schönster Beweis, dass ich mehr kann als beißen.“
Frage: Und wenn niemand mehr Glossen braucht?
Tintenschurke: „Dann habt ihr ein Problem, nicht ich. Denn das hieße, ihr wärt zufrieden mit Phrasen und würdet alles schlucken, was euch vorgesetzt wird. Ich brauche keine Glossen. Der Stachel bleibt. Wenn ihr mich nicht druckt, schreibe ich auf Klosettwände. Wenn ihr mich nicht sendet, flüstere ich auf Marktplätzen. Wenn ihr mich ignoriert, lache ich euch trotzdem aus. Laut genug, dass ihr euch fragt, warum es so still ist.“
Frage: Klingt, als wären Sie nicht gerade pflegeleicht.
Tintenschurke: „Pflegeleicht ist was für Topfpflanzen. Ich bin kein Bonsai, den man zurechtschneidet, damit er ins Regal passt. Ich wachse dahin, wo Worte brüchig werden. Und genau da setze ich an.“
Interviewer: Danke für das Interview.
Tintenschurke verlässt den Raum, wie er ihn betreten hat: ohne sich umzudrehen. Kein Händeschütteln, kein Abschied, nur dieses schmale Grinsen. Einer, der keine Rolle spielt, sondern eine Haltung lebt. Unbestechlich, bissig, scharf und vielleicht gerade deshalb so notwendig.