TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Autoren im Schreibratgeber-Koma

Das Geschäft mit der Angst


Früher schrieb man ein Buch. Heute schreibt man einen Schreibratgeber. Warum sich mühsam Figuren ausdenken, wenn man viel schneller Listen über Figuren schreiben kann? „10 Fehler, die Sie nie machen dürfen.“ Regel Nummer eins: Kaufen Sie meinen nächsten Ratgeber.

Über allem schwebt die große Sehnsucht, veröffentlicht zu werden. Für die einen bedeutet das, jahrelang zu warten, Manuskripte zu schleifen, Absagen zu sammeln, bis ein großer Verlag vielleicht irgendwann gnädig nickt und die Hälfte des Manuskripts streicht oder geändert haben will. Für die anderen bedeutet es sofort rausballern.

Zwanzig Bücher in zwölf Monaten, allesamt mit Titel wie „Blutmond über Buxtehude, Teil 7“, hochgeladen auf Amazon, Cover zusammengeklickt in PowerPoint, aber hey: veröffentlicht! Genau dazwischen gedeihen die Schreibratgeber, die beiden Lagern dieselbe Antwort geben: „Geduld! Aber bitte sofort!“

Das Geschäft blüht, weil Autoren vor allem eins haben: Angst. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst vor Lesern. Angst vor Verlagen. Die Ratgeber pusten diese Angst auf wie ein Hüpfburgfestival. Jeder Band verspricht Rettung, und am Ende hat man 37 gekauft, aber keinen Satz mehr geschrieben. Wer heute noch ohne einen schreibt, gilt als verdächtig.

Für den Markt könnte es nicht besser laufen: Ein Haufen Schreibende, die nichts schreiben, aber brav Ratgeber konsumieren. Autoren mumifizieren sich selbst in Spiralbindung, während die Ratgeber-Autoren mit glänzenden Augen den nächsten Titel planen: „Wie Sie mit Schreibratgebern reich werden“.


Gleich nach dem Kauf wird der junge Autor auf den Rücken gedreht, der Schädel aufgeklappt und ein DIN-A4-Handbuch eingepflanzt. „Vermeiden Sie Adjektive“, blinkt es in rotem Neon, während er versucht, Mutter zu buchstabieren. „Vermeiden Sie Adjektive!!!“

Die Ratschläge sind immer gleich: show, don't tell. Also zeigen die Figuren alles. Sie zeigen die Zähne, die Fußnägel, das Wetter. Eine Frau will einfach nur den Raum betreten, doch laut Ratgeber muss sie zeigen: Sie streift die Türklinke, streichelt die Maserung, inhaliert den Türspalt. Drei Kapitel später ist sie noch immer nicht drin.

Doch kaum hat der Autor gelernt, alles zu zeigen, kommt schon der nächste erhobene Zeigefinger: „Vermeiden Sie Infodumping!“ Also darf man nichts mehr erklären. Kein Hintergrund, keine Welt, keine Geschichte. Figuren stehen nackt in der Gegend, zeigen verzweifelt ihre Fußnägel, aber niemand weiß, warum sie überhaupt da sind. Hauptsache Action. Wer nachfragt, kriegt nur noch einen Monolog über „Subtext“ serviert und darf sich den Rest selbst zusammenreimen. So entsteht der moderne Roman: drei Kapitel lang Türklinken gestreichelt, aber kein Mensch weiß, wo der verdammte Raum eigentlich hinführt.

Und wehe, man schreibt „er war müde“. Sofort fährt der Ratgeber eine Sirene hoch: „STARKES VERB! STARKES VERB!“ Der Autor reißt panisch die Wörterbücher auf, bis er findet: „Er exekutierte seine Müdigkeit mit einem Selbstmord aus Espresso.“ Bravo. Applaus vom Regelkomitee.

„Er sagte“, „sie fragte“, „er erwiderte“, „sie hauchte“. Schreibratgeber nennen das liebevoll Inquits, als wären es rare Orchideen. In Wahrheit wuchern sie wie Unkraut. Kaum spricht eine Figur, wuchert dahinter ein „sagte er müde“, „flüsterte sie verzweifelt“, „knurrte er voller Zorn“. Die Figuren reden nicht mehr, sie werden taxiert wie Gebrauchtwagen. Der Dialog selbst bleibt Nebensache. Hauptsache, man weiß, dass der Held sein „Hallo“ apathisch, ironisch, aber doch hoffnungsvoll, aber ohne Adjektive! hauchte, während er gleichzeitig Kaffee nippte und sein inneres Trauma reflektierte.

Doch das reicht nicht. „Innere Konflikte!“ Also schweigt niemand mehr. Selbst der Hund führt Monologe über seine Welpentraumata. Der Kühlschrank erzählt, wie ihn die Milch emotional ausgehöhlt hat. Der Türspalt, der vorhin noch gestreichelt wurde, hat inzwischen PTSD. Und die inneren Sirenen schrillen: Infodumping! Starke Verben! Keine Adjektive!

„Wecken Sie das Leserinteresse!“ Natürlich! Der Autor hockt am Schreibtisch, Schweiß im Haaransatz, Tränen auf der Tastatur und fragt sich: Wie zum Teufel soll ich Interesse wecken, wenn ich nichts schreiben darf? Keine Adjektive, keine Erklärungen, keine Infodumps, keine stillen Figuren, keine lauten Inquits, nichts! Der Roman besteht nur noch aus drei nackten Verben, die wie Strichmännchen auf dem Papier herumhüpfen: „ging - sah - tat“. Das soll den Leser fesseln?

Im Bonuskapitel: „Finden Sie Ihre Stimme.“ Nach 300 Seiten Drill klingt sie wie ein kaputtes Navigationsgerät: „Biegen Sie ab in den Nebensatz, bitte wenden, bitte wenden, bitte wenden …“

Und irgendwann passiert, was passieren muss: Der Schreibtisch bricht unter der Last der Ratgeber zusammen. Der Autor liegt begraben, mumifiziert in Spiralbindung. Auf dem Boden ein letzter Zettel, fleckig von Tränen:

„Er war müde.“

Und daneben, in blutrotem Edding: Falsch.

#TsunamiDerSchreibratgeber