Manche nennen es eine heilige Schrift. Klingt nach Bronzeplatten, nach Donnerstimme, nach Text, der fix und fertig vom Himmel gefallen ist.
In Wahrheit ist es eine Anthologie. Zusammengestellt von einem römischen Redakteur, der vermutlich keine Ahnung hatte, dass er den erfolgreichsten Sammelband aller Zeiten herausgeben würde.
Das Rezept: Man nehme ein paar Mythen, zwei bis drei Stammbäume, einen Sack Prophezeiungen, ein paar moralische Rezepte für den Alltag, eine Prise Weltuntergang – und rühre kräftig. Heraus kommt ein Buch, das man wahlweise als Bauanleitung fürs Seelenheil oder als Horrorliteratur für Kinder nutzen kann.
Besonders beliebt: die Briefe. Paul schrieb an die Gemeinde, Johannes schrieb an wen auch immer, und bis heute werden die Briefe verlesen, als hätte die Postleitzahl „Himmel“ gelautet. In Wahrheit sind es Rundmails aus der Antike, aber mit erstaunlich moderner Reichweite: Spam, der Jahrtausende überdauert hat.
Natürlich ist das Schnipselbuch wandelbar. Wer Krieg will, findet Krieg. Wer Frieden will, findet Frieden. Wer Frauen liebt, findet ein Verbot. Wer Wein liebt, findet ein Sakrament. Es ist wie ein Buffet: jeder nimmt sich raus, was gerade passt, und behauptet dann, der Koch hätte es genau so gedacht.
Die Kirche nennt das „Offenbarung“. Ich nenne es „Flexibilität im Marketing“. Kein Verlag hat es je geschafft, dass ein Sammelsurium aus Sprüchen, Geschichten und Drohungen so lange Bestseller bleibt. Und das Beste: man muss noch nicht einmal Lizenzgebühren zahlen.
Doch irgendwann blättert man durch das Schnipselbuch und merkt: Es ist weniger eine Bibliothek der Weisheit, als vielmehr das Tagebuch einer Menschheit, die immer schon gern Geschichten erfunden hat, um ihre Macht zu erklären. Die einen stapelten Holz, die anderen Worte – und am Ende bleibt der gleiche Rauch.
Aber immerhin bleibt uns die Gewissheit: Wer ein Sammelheft zur Ewigkeit erklärt, darf sich nicht wundern, wenn die Seiten irgendwann auseinanderfallen.
#SammelbandMitHeiligenschein