TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Political correctness

Darf man das?


Früher war die Welt einfach. Da gab es Männer, Frauen und ein Telefon mit Wählscheibe. Man wusste, dass ein Fräulein ein Fräulein war, bis es geheiratet hatte – und dann war’s eine Frau, ob sie wollte oder nicht. Ein „Negerkuss“ hieß Negerkuss und wurde ohne rot zu werden an der Kasse gekauft. Und wer im Restaurant ein „Zigeunerschnitzel“ bestellte, bekam Fleisch mit Paprika und nicht sofort einen strafenden Blick des Tischnachbarn.

Heute aber – stolpert man beim Sprechen wie beim Barfußlaufen über Lego-Steine. Schon beim ersten Satz fragt man sich: Darf ich das noch sagen? Oder besser: Wie sage ich es, ohne dass mir gleich jemand den moralischen Feuerlöscher ins Gesicht sprüht?

„Political Correctness“ heißt das neue Gesellschaftsspiel. Ein Sprach-Mikado, bei dem man jeden Begriff mit Fingerspitzengefühl herausziehen muss – ohne dass gleich das ganze Kartenhaus zusammenkracht. Statt Indianer: indigene Bevölkerung. Statt Eskimo: Inuit. Statt Müllmann: Fachkraft für Kreislaufwirtschaft. Und wer einmal aus Versehen „Frau Doktorin“ sagt, der hat im Internet schneller einen Shitstorm als er das Gendersternchen tippen kann.

Natürlich, das alles hat seine Gründe. Sprache schafft Realität. Worte können verletzen, ausgrenzen, jahrhundertelange Klischees einzementieren. Aber Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon einmal minutenlang an einem Satz gebastelt, um ja korrekt zu klingen – und dann doch aus Versehen den halben Duden beleidigt?

Manchmal wirkt Political Correctness wie ein Sprachhygieniker im weißen Kittel: „So nicht! Bitte alles noch mal, diesmal mit Binnen-I.“ Und während man brav nachspricht, fragt man sich: Ist das jetzt wirklich ein Fortschritt – oder bloß ein neuer Dialekt der Bürokratie?

Vielleicht ist die Wahrheit einfacher: Political Correctness will uns nicht den Spaß am Sprechen nehmen. Sie will nur verhindern, dass einer lacht, während der andere weint. Und vielleicht ist es gar nicht schlimm, wenn wir beim Reden stolpern. Denn Stolpern heißt immerhin: Wir haben gemerkt, dass da ein Stein liegt.

Und ehrlich gesagt: Lieber stolpere ich über Wörter – als dass ich auf alten Gleisen weiterfahre, die längst ins Nichts führen.

#LexikonMitAirbag