Verlage lieben Schubladen. Ohne Schublade keine ISBN, ohne Genre kein Klappentext, ohne Raster kein Regal. Alles muss reinpassen: Fantasy oder Krimi, Chick Lit oder Historienroman. Aber wehe, jemand schreibt etwas, das nicht ins Schema passt, dann heißt es: „schwer vermarktbar“.
Ideen, die aus der Reihe tanzen, werden aussortiert wie fehlerhafte Druckbögen. Dabei sind es genau diese Unfälle, die Literatur spannend machen könnten. Stattdessen stapeln sich Regale voller Thriller mit identischen Covern: immer ein Mann im Schatten, immer eine Frau im Regen, immer eine Leiche im Klappentext. Serienmord im Copy-&-Paste-Verfahren.
Man stelle sich vor, dieselbe Raster-Logik hätte in der Wissenschaft gegolten: „Tut uns leid, Herr Einstein, Relativitätstheorie? Passt leider nicht ins Genre. Kommen Sie wieder, wenn Sie etwas über Ackerbau und Viehzucht zu sagen haben.“
Das Muster des Rasterdenkens ist so alt wie der Mensch:
Die Erde dreht sich um die Sonne. = Ketzerei.
Gravitation. = Vorher: Magie.
Evolution. = Erst Skandal, dann Grundlage der Biologie.
Keime als Krankheitsursache. = Vorher: Dämonen und schlechte Luft.
Fliegen mit Maschinen? = „Unsinn.“
Penicillin? = Lächerlich.
Ohne Querdenker im Wortsinn würden wir heute noch mit Keulen jagen und Feuer für Hexerei halten.
Aber im Literaturbetrieb gilt: Nur was ins Genre passt, darf leben. Alles andere wandert in die Schublade „unverkäuflich“. Ein schöner Euphemismus für „wir haben keine Fantasie“.
Vielleicht sollte man einfach ein neues Genre erfinden: Unberechenbar. Das Regal wäre leer, aber endlich spannend.
„Ihre Zielgruppe ist nicht klar erkennbar.“ So klingt es, wenn Verlage höflich sagen: „Wir haben keine Schublade für Sie.“ Zielgruppe, das ist die Zauberformel, die alles rechtfertigt: was gedruckt wird, was nicht, was im Schaufenster liegt und was in der Schublade verstaubt.
Aber mal ehrlich: Wie sollen sich Zielgruppen überhaupt bilden, wenn Leser ständig mit Einheitsbrei abgespeist werden? Wenn jeder Krimi gleich riecht, jedes Fantasy-Cover dieselben Schwerter zeigt, und jeder Liebesroman die identische Farbpalette trägt? Zielgruppen sind nicht entdeckt, sie werden dressiert.
Und noch schlimmer: Manche Zielgruppen sind gar nicht vorgesehen. Wer bestimmt eigentlich, dass es für abweichende Ideen angeblich kein Publikum gibt? Die Leser? Nein, die kriegen ja gar keine Chance. Bestimmt wird das von Gremien, die lieber eine fünfte Vampir-Saga durchwinken, weil sie wissen, dass die Maschine für Blut und Biss noch läuft.
Die Wahrheit ist bitter: Zielgruppen sind kein Maßstab für Kreativität, sondern ein Maulkorb. Eine Fiktion, die Autoren gefügig macht. Wer sich nicht in die Zielscheibe pressen lässt, wird zum Fehlschuss erklärt, lange bevor überhaupt jemand hätte lesen dürfen.
Vielleicht sollte man die Marketingleute zwingen, ihre eigene „Zielgruppe“ zu definieren: Leser, die Bücher nur dann kaufen, wenn sie sie schon tausendmal gelesen haben. Herzlichen Glückwunsch, Treffer!
#SchubladenRasterfalle