TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Die große Schule der Frömmigkeit

Lichtbringer im Schafskostüm


Frömmigkeit gilt seit jeher als das schönste Kostüm, das man tragen kann. Es kaschiert jedes Bauchfett der Moral und zaubert einen Heiligenschein über die schmutzigsten Schuhe. Wer fromm ist, darf streng schauen, streng reden und streng verbieten – und wird trotzdem von allen als Vorbild beklatscht.

Früher hatte diese Pose noch Handarbeit: Da wurde nicht diskutiert, da wurde „überzeugt“. Mit Holzstapeln. Wer die falsche Meinung hatte, wurde nicht etwa zum Kaffee eingeladen, sondern bekam die heiße Version serviert – ohne Milch, dafür mit ordentlich Flamme. Das nannte man dann „Rechtgläubigkeit“. Heute würde es wahrscheinlich als „interaktive Erwachsenenbildung“ im Prospekt stehen.

Auch die Mission war eine Kunst für sich. Man reiste über Meere, angeblich um Licht zu bringen, und brachte stattdessen Fackeln. Ganze Dörfer wurden erleuchtet – allerdings nur so lange, bis die Häuser niederbrannten und die Tempel zu „Baumaterial“ erklärt wurden. Die Einheimischen lernten in Rekordzeit, dass die frohe Botschaft hauptsächlich darin bestand, dass ihre alten Götter nun Museumsstücke waren.

Und wehe, jemand stellte Fragen. Schon damals wusste man: Ein neugieriger Kopf ist gefährlicher als ein ganzes Heer. Also wurde die Neugier kurzerhand entsorgt. Heute heißt das „Fake News bekämpfen“, damals hieß es „Ketzerfeuer“. Die Methode blieb dieselbe: Was nicht ins Weltbild passt, muss weg.

Natürlich lebte man dabei nicht schlecht. Die Tugendprediger fuhren in Kutschen, die Armen zogen hinterher. Der Heilige Ernst im Gesicht war so groß, dass niemand mehr bemerkte, wie locker die Hände im Klingelbeutel waren. Doppelte Maßstäbe waren kein Fehler – sie waren die Grundlage. Predige Wasser, trinke Wein. Predige Keuschheit, aber schau, dass die Kammern groß genug sind.

Heute läuft das alles bequemer. Statt Holzscheiten gibt es Hashtags, statt Missionstruppe einen Algorithmus. Die neuen Heiligen sitzen vor Ringlichtern und falten ihre Hände zum Selfie. „Selig sind die Braven, denn sie bekommen die meisten Likes.“ Und während die Influencer noch Detox predigen, wird im Hintergrund schon wieder Retinol mit Rabattcode nachgefüllt.

Man könnte fast meinen, die Zeiten hätten sich geändert. Aber nein – nur das Werkzeug ist moderner. Die große Schule der Frömmigkeit hat ihre Methoden angepasst. Früher Holz, heute Filter. Früher Scheiterhaufen, heute Kommentarspalten. Früher Scheine, heute Scheinheiligkeit.

Doch immerhin bleibt uns die Gewissheit: Wer gestern mit Holzstapeln argumentierte, wirft heute mit Schnipseln.

#ScheinheiligSeitDemMittelalter