TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Erlernte Gleichgültigkeit

Warum zucken wir mit den Schultern?



Es begann, wie alles Große: mit einem Workshop. „Kommunikation im 21. Jahrhundert - vom Dialog zur Deeskalation.“ Raumduft: Zitronengras. PowerPoint-Folie 1: Reden ist Silber, Schweigen ist skalierbar. Die Teilnehmer nickten. Nicken ist das neue Denken. Ein Referent erklärte, wie man Konflikte vermeidet, indem man Bedeutung vermeidet. „Emotionen sind ineffizient“, sagte er. Applaus. Einige notierten: Ego raus, Ellbogen rein.

Während der Praxisübung sah man sich an und tat so, als würde man etwas fühlen. Einige Teilnehmer brachen in Empathie aus, wurden aber freundlich hinauskomplimentiert. Zu viel Resonanz stört den Betriebsablauf.

Am Ende des Tages war eine neue Kulturtechnik geboren. Das Schulterzucken. Die minimalistische Antwort auf alles, was noch Restwärme hatte. Ein Reflex, halb Yoga, halb Kapitulation. Schließlich gab es die Zertifikate. „Anerkanntes Kompetenzlevel: A1 – Grundlegendes Gleichgültigsein.“


Der Kurs boomte. Menschen in Behörden, Vorständen, in Beziehungen war dieselbe sanfte Geste erkennbar: zwei Zentimeter Aufstieg, Weltfrieden.

Philosophen erklärten das Zucken zum Meta-Dialog. „Es ist kein Schweigen. Es ist semantische Diät!“ Bald kam die spirituelle Strömung: Shrug-Yoga. Die innere Loslösung durch äußere Desinteresse. Der Ashram des Achselgelenks. Jeder Boom wird irgendwann auch politisch. Regierungen führten das Zucken als Zeichen der Reue ein. „Wir haben Fehler gemacht.“ Zuck. „Wir machen sie wieder.“ Zuck.Zuck. Krisen wurden ab jetzt mit Muskelkontraktionen moderiert. Auch die Werbeindustrie roch das Potenzial: „Jetzt neu: Shampoo für emotionsneutrale Köpfe!“ „Parfum du Détachement – der Duft nach Nichts!“


Inzwischen zuckt die Welt synchron. Niemand spricht, niemand streitet, niemand denkt. Die Zuck-Wellenbewegung ist Tradition. Ein Planet, der aussieht, als würde er tanzen, aber es ist bloß Muskelzucken im Endstadium.


#GlobalerReflex