TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Die drei Nüsse

Filmische Satire



Ort: Ein Hochsicherheitsgefängnis. Zelle 417. Innen: Jim, ehemaliger Präsident, sowie drei loyalistische Sicherheitsleute (Frank, Duke, Manny), die freiwillig mit ihm einsitzen, „zur Sicherheit“.


(Ein dumpfer Klonk. Etwas fällt durchs vergitterte Fenster.)

Manny (schreckt hoch): „Objekt im Fallsektor. Vermutlich Angriff!“

Frank: „Achtung! Nussformation Alpha!“


(Alle werfen sich flach auf den Boden.)

Duke (nach prüfender Analyse): „Entwarnung. Es sind… Nüsse, Sir.“

Jim (setzt sich auf): „Nüsse? Drei Stück? Hm. Symbolisch. Wie... eine Abstimmung, nur dass sie schmecken.“


(Dann – kratzendes Geräusch. Ein pelziger Kopf erscheint am Gitter.)

Eichhörnchen (mit ernster Stimme): „Diese Nüsse gehören mir.“

Frank (zielt mit Fingerpistole): „Unbekannter Eindringling. Vier Beine. Spricht akzentfrei. Höchst verdächtig.“

Jim: „Warte. Du… willst die Nüsse zurück? Was bist du – ein Öko-Anwalt?“

Eichhörnchen: „Sie stammen aus meinem Wintervorrat. Sie fielen durch einen Spalt.

Ich hätte sie gern zurück.“

Jim (lächelt schief, nimmt eine der Nüsse in die Hand, dreht sie langsam): „Tja. Willkommen in der freien Marktwirtschaft, Nagerfreund. Nichts ist umsonst. Ich hab sie gefunden. Ich halte sie fest. Aber... ich bin ein Mann des Geschäfts. Erfülle mir eine Aufgabe – und du kriegst eine Nuss.“


(Pause. Dann:)

Eichhörnchen: „Was ist dein Wunsch?“

Jim (denkt kurz nach, dann zeigt auf den Wachtturm draußen): „Bring mir eine Nachricht von draußen. Irgendein Beweis, dass die Leute noch an mich denken. Ein Spruchband, ein Fanbrief, ein Selfie vor meinem Denkmal. Irgendwas Echtes. Nicht von diesen Typen hier.“ (zeigt auf seine Sicherheitsleute) „Die lachen zu selten.“

Eichhörnchen: „Gut.“


(Es verschwindet. Kurze Pause.)

Duke: „Sir, Verzeihung, aber… das war ein Nagetier.“

Jim: „Das war ein Delegierter. Und er hat mehr Haltung als der Kongress.“


(Später. Das Eichhörnchen kehrt zurück. Es schleift eine kleine Stofffahne zwischen den Zähnen.)

Eichhörnchen: "Dieses Stoffstück hing an einem Zaun."

Jim sieht sich den Fetzen an, die Enden sind abgenagt. Alles, das noch zu erkennen ist: "..Jim?". "Da steht nur mein Name drauf", empört sich Jim.

Eichhörnchen: "Es beweist, dass sie noch an dich denken, sonst würden sie es nicht in die Öffentlichkeit hängen. Gib mir die Nuss."

Jim: "Bevor ich dir die Nuss gebe, musst du mir noch einen Gefallen tun."

Eichhörnchen: "Das war aber nicht die Vereinbarung. Ein Gefallen, eine Nuss."

Frank in scharfem Ton: "Hey, nicht in diesem Ton. Weißt du nicht, wen du vor dir hast?"

Eichhörnchen ignoriert ihn und starrt auf die Nuss in Jims Hand.

Jim: „Was? Vereinbarung? Hast du einen Vertrag? Willst du nun die Nuss oder nicht?“

Eichhörnchen: "Also gut. Was willst du?"


Jim: "Bring mir den Schlüssel für diese Zelle. Du kommst doch überall hin, bist geschickt, du bist das beste Eichhörnchen in der Welt."

Eichhörnchen: "Das kann ich nicht tun. Wenn ich den Schlüssel hole, dann verschwindest du mit den Nüssen. Das Risiko ist zu hoch."

Jim: "Also gut. Dann bring mir eine Zeitung oder eine Seite, auf der mein Bild ist, aber friss die Seite nicht an."

Eichhörnchen: "Aber danach gibst du mir die Nuss. Es sind Zeugen hier."

Jim: "Jaja, geh schon."


(Kurze Zeit später. Es raschelt. Das Eichhörnchen kehrt zurück. Es trägt ein zusammengerolltes Blatt im Maul, springt elegant ans Gitter, klopft mit der Pfote.)

Eichhörnchen: „Hier. Titelseite. Dein Gesicht. Unbeschädigt. Sogar farbig.“


(Jim nimmt die Zeitung, rollt sie auseinander. Sie ist echt.

Großaufnahme.

Überschrift: „Jim – der Mann, der alles hatte. Und verlor.“)

Jim (kneift die Augen zusammen, murmelt): „Unvermeidlich tendenziös. Aber mein Gesicht ist gut getroffen.“


(pause)

„Frank – rahmen. Manny – konservieren. Duke – loben.“

Duke (nickt ergeben): „Das ist definitiv... ein Bild, Sir.“

Eichhörnchen (nüchtern): „Zwei Aufträge, eine Nuss. Das Verhältnis war unausgewogen. Zweite Aufgabe erfüllt. Gib mir die Nuss.“

Jim (spielt überrascht): „Was? Du meinst... eine strategisch kreative Staffelung? Das ist doch üblich. Einführungsphase, Vertrauensaufbau, symbolische Geste." Jim nimmt die zweite Nuss, hebt sie in Augenhöhe, dreht sie zwischen den Fingern. "Eine Nuss ist schön. Zwei sind besser. Drei... sind Machtbalance.“ (lächelt wie bei einem Fernsehduell) "Jetzt wird’s fair. Ein Wunsch – eine Nuss.“ (hebt sie, als sei sie ein Friedensangebot.)

Eichhörnchen: „Was ist dein dritter Wunsch?“

Jim (denkt, dann blinzelt er): „Ich will eine Kamera. Nur eine kleine. Ein Bild von mir – in dieser Zelle. Göttliches Gegenlicht. Eine Botschaft vielleicht. ‘Still standing.’ Und du bringst’s raus.“

Eichhörnchen (zögert): „Das wäre eine unerlaubte Aufnahme. Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung.“

Jim: „Was nicht erlaubt ist, ist nicht dasselbe wie unmöglich. Und du bist ein freies Tier – nicht staatlich gebunden, oder?“


(pause, milder Ton)

„Ich will kein Comeback. Ich will Erinnerung. Ich bin Geschichte. Aber Geschichte braucht... Bilder.“

Eichhörnchen (nach einem langen Blick): „Eine Aufnahme. Aber du posierst nicht. Und kein Filter.“

Jim: „Abgemacht.“

Eichhörnchen verschwindet.


Kurze Pause. Jim fährt sich durchs Haar, dann rückt er ein bisschen Müll zur Seite, setzt sich, blickt scheinbar gedankenverloren in die Ferne.)

Frank (flüstert): „Sir, Sie posieren.“

Jim: „Ich denke. Fotogen.“


Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrt das Eichhörnchen mit einer Pocketkamera um den Hals zurück.

Eichhörnchen (trocken): „Beweg dich nicht wie ein Tourist, ich brauche Atmosphäre.“ Nach dem Schnappschuss beißt es die Speicherkarte raus und läuft zum Weg zurück, lässt sie fallen.

"Hey was tust du da?", fragt Jim.

"Dein Bild veröffentlichen. Hier kommt immer eine Gruppe von Journalisten entlang .Da hat schonmal jemand seine Speicherkarte fallen lassen. Also, gib mir die Nuss."


"Ich mag den kleinen Kerl", sagte Jim zu seinen Leuten. Jim gab dem Tier die zweite Nuss. „Siehst du das hier?“ (Er hält die Nuss ins Licht. Sie glänzt leicht.) „Das ist nicht einfach eine Nuss. Das ist... eine strategische Ressource. Ein Symbol. Ein Versprechen. Ein... potenzielles Comeback.“

Eichhörnchen: „Sie ist rund, braun und gehört mir.“

(neigt den Kopf): „So klein und doch so unersetzlich. Ich hab überlegt: Wenn du noch einen letzten Auftrag annimmst – etwas Bedeutendes, etwas... Feierliches – dann ist die dritte Nuss dein. Mit Applaus.“

Eichhörnchen (ruhig): „Ich habe deinen Namen aus dem Dreck geholt. Ich habe dein Gesicht getragen. Was willst du noch? Ein Denkmal aus Klopapierrollen?“

Jim (blinzelt): „Nicht schlecht. Aber bitte mit Basis. Ich will ein Denkmal in dieser Zelle. Etwas... Beeindruckendes. Aus dem, was da ist.“ (zeigt mit ausladender Geste auf Eimer, Putzlappen, Bleistummel)


Duke: „Sir... ein Knastdenkmal? Ist das nicht… symbolisch ungünstig?“

Jim (ohne Blick): „Die größte Größe entsteht im Widerstand. Nelson, Napoleon – ich.“

Eichhörnchen (langsam): „Also gut. Aber das wird... bildlich.“

(Es verschwindet. Jim dreht die Nuss zwischen den Fingern, als wäre sie eine Weltkugel.)


(Ein paar Stunden später. Dämmerlicht. Die Zelle ist still. Jim doziert über historische Größe, während Duke und Manny aus Zahnbürsten und Seife „architektonische Vorschläge“ basteln.)

Frank (blickt auf): „Da kommt er.“


(Das Eichhörnchen kehrt zurück. Auf seinem Rücken: ein kleines Bündel. Es platziert es in der Mitte der Zelle. Dann zieht es mit den Pfoten die Decke weg. Darunter: ein Denkmal. Klein. Grob. Aus Draht, Seife, Stoffresten, Bleistiftminen. In der Mitte: eine Figur mit aufgeplustertem Brustkorb. Kopf erhoben. Eine Hand ausgestreckt. Die andere – hohl. Der Kopf ist übergroß. Die Augen aus Polierknopfstücken – ohne Pupillen.

Eichhörnchen: „Du hast Größe gewollt. Da steht sie. Unübersehbar. Leer.“

(Jim tritt näher. Betrachte die Figur lange.)

Jim: „… sieht ganz gut aus, eigentlich.“


(Pause. Dann gibt er langsam die dritte Nuss herüber.)

Jim (leise): „Mach, dass sie es sehen.“

Eichhörnchen (nimmt die Nuss, blickt ihn an): „Sie sehen es längst. Nur du siehst es nicht.“

(Es springt aufs Fensterbrett. Blickt ein letztes Mal zurück.)


Jim (unsicher, leiser als sonst): „Sag mal... warum hattest du überhaupt so viele Nüsse dabei? Ich mein... wer verliert drei Nüsse durch ein Gefängnisfenster?“

Eichhörnchen (bleibt stehen, ohne Pathos): „Die Familie kommt. Von jenseits der großen Mauer. Großer Winter.“

(Kurze Stille. Dann springt es ab, verschwindet.)


Jim schaut ihm nach. Lang.

Duke (zögernd): „Sir… es ging also gar nicht um Sie?“

Jim: „Natürlich ging es um mich. Alles geht immer um mich. Oder...?“

Keiner antwortet mehr. Draußen: Wind.