TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Astrophysik erklärt Bürokratie

Gemeinsamkeiten vom Amtsschimmel und schwarzen Löchern



Es gibt Phänomene, die so schwer zu verstehen sind, dass man sie nur noch miteinander vergleichen kann.

Zum Beispiel:

Schwarze Löcher. Und Behörden.

Die Astrophysik hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Die Bürokratie nicht, aber sie ist bemerkenswert stabil geblieben. Grund genug, beide einmal übereinanderzulegen wie Topographie-Folien.


1. Der Ereignishorizont

„Bitte ziehen Sie eine Nummer.“

Beim Schwarzen Loch heißt er Ereignishorizont: die Grenze, ab der nichts mehr entkommt, kein Licht, keine Information.

Bei der Behörde beginnt er an der Tür mit dem Nummernautomaten.

Ab dem Moment, in dem die Wartenummer ins Display steigt, gilt dieselbe Regel:

Information geht hinein. Hoffnung kommt nicht wieder zurück.

Im Universum ist das ein Naturgesetz.

Im Amt eine Entscheidung.


2. Zeitdilatation

Draußen eine Stunde, drinnen ein geologisches Zeitalter.

In der Nähe eines Schwarzen Lochs vergeht die Zeit langsamer. Für Außenstehende wirkt alles eingefroren, für alles, was hineinfällt, ist es nur ein Moment.

In der Bürokratie ist es umgekehrt:

Draußen: „Das dauert doch nur einen kleinen Bescheid, oder?“

Drinnen: „Bearbeitungszeit 8–12 Monate, wenn der zuständige Sachbearbeiter nicht versetzt, pensioniert oder in ein Paralleluniversum befördert wird.“

Die Relativitätstheorie hatte recht. Sie hat nur nicht geahnt, wie wörtlich.


3. Das Informationsparadoxon

„Ihre Unterlagen sind im System.“

Die Physik kennt das Informationsparadoxon: Was passiert mit Information, die in ein Schwarzes Loch stürzt? Geht sie verloren? Wird sie umcodiert?

Hawking sagt: Irgendwo ist sie, nur nicht so, wie wir sie kannten.

Die Verwaltung kennt das Aktenparadoxon:

„Ihre Unterlagen sind im System.“

Wo genau?

– Im Archiv.

– Im Zwischenarchiv.

– In einer Außenstelle.

– Und ein Teil im Reißwolf, aber nur zur Sicherheit.

In beiden Fällen gilt:

Die Information existiert theoretisch weiterhin. Praktisch hilft das niemandem.


4. Akkretionsscheiben

Wenn alles um den Kern kreist, aber nichts ankommt. Schwarze Löcher sind von leuchtenden Materiescheiben umgeben: Gas, Staub, Sterne, die hineinstürzen, aufgeheizt, turbulent. Sie strahlen wie verrückt, kurz bevor sie verschwinden.

Um Bürokratien herum kreisen:

Memos, Sitzungen, Rückfragen, CC-Mails, Protokolle, „wir müssen das noch einmal in der Runde besprechen“ und „dazu gibt es bereits eine Arbeitsgruppe“.

Die Umgebung glüht vor Aktivität. Der eigentliche Zweck bleibt unsichtbar.


5. Die Singularität

Im Zentrum: ein Punkt, den niemand erklären kann. Im Inneren des Schwarzen Lochs vermutet man eine Singularität: unendliche Dichte, alle bekannten Gesetze brechen zusammen.

Im Inneren der Bürokratie sitzt die Frage: „Wozu genau machen wir das hier alles?“

Je näher man ihr kommt, desto merkwürdiger werden die Antworten:

– „Weil wir das schon immer so gemacht haben.“

– „Weil es dafür eine Verordnung gibt.“

– „Weil sonst Chaos wäre.“

So gesehen sind Singularität und Zweck der Behörde beides Punkte, an denen Erklärungen aufgeben und nur noch Glaubenssätze übrig bleiben.


6. Hawking-Strahlung

Was nach außen dringt. Schwarze Löcher senden eine feine Reststrahlung aus: Hawking-Strahlung. Der letzte Hinweis, dass da überhaupt etwas ist.

Bürokratien strahlen ebenfalls:

– Flurwitze

– genervte Seufzer

– Pressemitteilungen

Der Rest bleibt im Inneren.

Die Astrophysik kann daraus Rückschlüsse auf die Struktur des Lochs ziehen.

Die Öffentlichkeit aus den Rückschlüssen oft nur: „Das kann doch alles nicht wahr sein.“


7. Fluchtgeschwindigkeit

Theoretisch möglich. Praktisch nicht.

Um einem Schwarzen Loch zu entkommen, bräuchte man eine Fluchtgeschwindigkeit größer als die des Lichts.

Um einer ausgewachsenen Bürokratie zu entkommen, bräuchte man: Fachwissen, Beziehungen, Glück, und genug Nerven, nicht vorher aufzugeben.

Die Gesamtenergie, die das kostet, liegt in beiden Fällen deutlich über dem, was ein durchschnittlicher Mensch aufbringen kann.


Die Astrophysik unterscheidet zwischen Naturgesetzen und menschengemachten Konstruktionen.

Das Universum kann nichts dafür, dass Schwarze Löcher Dinge verschlucken.

Bei der Bürokratie ist das anders.

Sie könnte anders.

Sie will nur nicht.

Oder anders formuliert:

Eine hinreichend verdichtete Bürokratie ist von außen nicht von einem Schwarzen Loch zu unterscheiden, mit einem Unterschied: Um das Schwarze Loch herum gibt es weniger Kaffee.

#SchwarzlochMentalität