TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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Amtsdeutsch

Unsterblichkeit einer Sprache


Es gibt Sprachen, die klingen wie Musik. Italienisch zum Beispiel: selbst eine Steuererklärung klingt dort nach Oper. Und dann gibt es Amtsdeutsch.

Amtsdeutsch klingt nicht. Amtsdeutsch wiegt. Jeder Satz so schwer, dass man nach zwei Zeilen denkt, man hätte gerade einen Umzug gestemmt. „Der Antragsteller wird hiermit aufgefordert, zwecks Bearbeitung der Angelegenheit unter Bezugnahme auf das Aktenzeichen XY-3487 innerhalb der gesetzten Frist die nachfolgenden Unterlagen beizubringen.“ Übersetzt heißt das: „Schicken Sie uns den Wisch.“

Bürokratendeutsch ist eine eigene Religion. Es hat seine Gebote („Du sollst nicht in klaren Sätzen schreiben“), seine Psalmen („unter Bezugnahme auf…“) und seine Rituale: Stempeln, kopieren, abheften. Man munkelt, manche Beamte schlafen in Aktenordnern, eingerollt zwischen Durchschlägen, und träumen von Fristenverlängerungen.

Der eigentliche Zweck dieser Sprache ist klar: Abschreckung. Bürger sollen den Antrag lesen und denken: Ach, lassen wir’s lieber. So spart der Staat Geld – und Nerven. Zumindest die Nerven der Beamten.

Natürlich hat auch das Internet nichts geändert. Heute füllt man die Formulare nicht mehr mit Kugelschreiber, sondern online. Nur die Sprache bleibt gleich. „Bitte bestätigen Sie die ordnungsgemäße Kenntnisnahme der datenschutzrechtlichen Bestimmungen durch Anklicken der entsprechenden Checkbox.“ Übersetzt: „Setzen Sie ein Häkchen.“

Bürokratendeutsch ist unsterblich. Es überlebt Regierungen, Moden, Revolutionen. Man könnte vermutlich selbst das Ende der Welt so formulieren: „Der Untergang des Planeten Erde wird hiermit mit Wirkung zum 31.12. bekanntgegeben. Etwaige Widersprüche sind innerhalb von 14 Tagen schriftlich einzureichen.“

Doch immerhin bleibt uns die Gewissheit: Wenn irgendwann nichts mehr von uns bleibt, dann findet man zwischen den Ruinen noch einen Zettel mit Stempel.

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