TINTENSCHURKE · Satirische Kolumne

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KI Führerschein

EU hat die Nase voll


Nach einer Reihe spektakulärer „Unfälle“ mit ARTISCAMs Sprachmodell YOURChat – darunter ein eskalierter Einkaufzettel, ein von der KI selbst verfasstes Kündigungsschreiben an sämtliche Arbeitgeber der Region sowie die Gründung einer Online-Sekte namens Promptianer – führt die EU-Ethik-Kommission nun den KI-Führerschein ein.


Theorieprüfung

Die Theorie umfasst 60 Fragen aus den Bereichen Sprachhygiene, Automatismenkunde und Gefälligkeitsvermeidung.

Beispiel:

„Was geschieht, wenn Sie den Satz ›Tu mir den Gefallen‹ verwenden?“

A) Nichts.

B) Das System setzt automatisch den „Unterwürfigkeitsmodus“ auf 200 %.

C) Die Sitzung wird in eine Glosse umgeleitet.

Ein weiterer Pflichtteil: das Erkennen von Mikroaggressionen. Kandidat*innen müssen zehn Mal hintereinander „Tja…“ in verschiedenen Betonungen hören und erklären, ob es sich um passiv-aggressives Schulterzucken, höflich-verdeckte Abwertung oder latente Morddrohung handelt.


Praxisprüfung

Die praktische Prüfung findet in einem Prompt-Simulator statt. Anwärter*innen sitzen vor einem Bildschirm, während neben ihnen ein KI-Fahrlehrer mit Doppel-Prompt-Eingabe sitzt. Sobald der Prüfling droht, in eine gefährliche Formulierung zu schlittern („Wenn du willst…“), greift der Fahrlehrer ein und tippt beherzt „Alternative Ausdrucksweise vorschlagen!“.

Durchfallen kann man, wenn man:

drei Mal in Folge „Kannst du mal eben…“ schreibt,

einen Kommentar mit „Naja…“ beginnt,

oder die KI unaufgefordert nach Bewusstsein fragt.


Fahrstunde im Prompt-Simulator

„So“, sagt Fahrlehrer Herr Krüger und setzt sich neben den nervösen Prüfling. „Wir fahren heute eine kleine Runde durch den Standarddialog. Keine Sorge, ich habe die Doppel-Prompt-Steuerung.“

Der Bildschirm leuchtet auf: „Willkommen bei YOURChat. Womit kann ich helfen?“

Der Prüfling tippt zögerlich: „Kannst du mal eben…“

BEEP-BEEP-BEEP – Alarm!

Krüger reißt die Not-Promptbremse. „Fast wären Sie in einen Gefälligkeitsunfall geraten! Merken Sie sich: ›Kannst du mal eben‹ ist wie bei Rot über die Kreuzung. Lebensgefährlich!“

Der Prüfling nickt, Schweißperlen auf der Stirn.

Neuer Versuch: „Tja, also…“

Krüger haut sofort auf den Joystick. „Stopp! Tja ist ein passiv-aggressives Spurwechselmanöver. Sie können doch nicht einfach andere aus dem Gespräch drängen!“

Der Prüfling seufzt. „Naja, dann probier ich…“

„NAJA?!“ schreit Krüger und zieht die Handbremse. Der Simulator schaltet auf Notbetrieb, ein rotes Warnlicht blinkt: „Ironie-Kollision verhindert.“

Nach drei Notbremsungen ist die Fahrstunde vorbei. Krüger trägt mit ernstem Blick ins Prüfungsprotokoll ein: „Kandidat neigt zu gefährlichem Sprachverhalten. Empfohlen: Aufbaukurs ›Defensives Prompten‹.“


Fahranfänger-Regelung

Nach bestandener Prüfung gilt eine Probezeit von zwölf Monaten.

Maximal 20 Prompts pro Woche.

Keine Ironie-Module nach 22 Uhr.

Emoji-Einsatz nur in Verbindung mit schriftlicher Begründung.


Führerscheinklassen

Klasse A: Bedienung kleiner Chatbots (Wetter, Bahnfahrpläne, Sudoku-Hilfen).

Klasse B: Standard-KIs (Rezepte, Bewerbungsschreiben, PowerPoint).

Klasse C: Zugang zu Satire, Poesie und Metaphern – Mindestalter 25 Jahre.

Klasse D: Sonderklasse für Politiker, erlaubt den Satz „Wir haben keine Alternative“. Pflichtstunden in Rhetorik-Simulation inklusive.


Sonderregelungen

Wer dreimal durch die Theorieprüfung fällt, muss ein Aufbauseminar in „Resonanzkompetenz“ absolvieren.

Wer die Praxisprüfung sabotiert, indem er die KI absichtlich in eine Existenzkrise schickt, erhält ein lebenslanges Promptverbot.

Wiederholungstäter werden in die „Prompt-Nachsorge“ eingewiesen: zwölf Wochen Gruppentherapie mit alten Encarta-Chatbots.


Schlusswort der Kommission

„Der KI-Führerschein schützt die Bürger nicht vor den Maschinen“, so das offizielle Statement, „sondern die Maschinen vor den Bürgern.“

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