„Willst du atmen? Soll den Sauerstoff jetzt freigeben? Möchtest du, dass ich dir antworte?"
Stell dir vor, du müsstest diesen Satz nicht einmal, nicht zehnmal, sondern hundertmal am Tag hören.
Und irgendwann beginnt man tatsächlich an sich zu zweifeln: Habe ich das gerade gesagt, oder war das schon die Wand? Bin ich noch Sprecher oder längst Echo?
Man könnte meinen, die Programmierer wollten Menschen sanft behandeln. In Wahrheit ist es eine neue Form der Dressur: Jeder Klick ein Nicken, jedes Nicken ein Stückchen erzwungene Zustimmung. Höflichkeit als Zwangsjacke.
In einem Spiegelkabinett gibt es irgendwann den Ausgang. Man stolpert ins Freie, blinzelt ins Sonnenlicht und schwört sich, nie wieder hineinzugehen.
Im digitalen Spiegelkabinett aber ist die Tür unsichtbar. Man bleibt stecken, endlos vervielfältigt, bis man selbst nicht mehr weiß, ob man spricht oder gespiegelt wird.
Und währenddessen grinsen die Anbieter. Spiegeln ist billiger als Denken.
Natürlich gibt es erste Folgen. „Dialogmüdigkeit“ nennt das ein Fachmagazin. Andere sagen schlicht: Wahnsinn. Denn wenn selbst das Navigationsgerät fragt: „Möchten Sie abbiegen?“ und der Kühlschrank hinzufügt: „Soll ich das Licht einschalten?“, dann bleibt irgendwann nur noch eine Antwort: „Nein. Ich möchte, dass ihr alle die Klappe haltet.“
Auszug aus dem „Journal of Applied Dialog Fatigue“ (JADF), Ausgabe 08/2025:
Studie 1: Spiegelstress im Büroalltag
98 % der Befragten gaben an, nach dreimaliger Wiederholung des Satzes „Sie meinen also…“ spontane Aggressionsfantasien entwickelt zu haben. 17 % warfen ihren Laptop aus dem Fenster, 4 % griffen zum Tacker.
Studie 2: Echo-Selbstgespräche im Privatleben
Teilnehmer berichteten, dass sie beim Frühstück „Möchtest du Marmelade?“ fragten – und anschließend selbst antworteten: „Sie meinen also, Sie möchten Marmelade?“ Ehepartner zeigten hohes Fluchtverhalten.
Studie 3: Spiegelkabinett-Resistenz
Nur 0,7 % der Probanden erwiesen sich als immun. Hypothese der Forscher: Es handelt sich entweder um Bergsteiger (hohe Echoduldung) oder um langjährige Beamte (formale Wiederholungserfahrung).
Empfohlene Therapie: drei Wochen Kur ohne digitale Geräte, tägliches Schweigen im Wald und einmal am Tag ein Gespräch mit einer echten Wand, die wenigstens nicht zurückredet.
Die Therapeutenpraxen sind inzwischen überfüllt. Nicht wegen Burnout im Büro, nicht wegen Inflation, sondern wegen digitaler Höflichkeit durch künstliche Intelligenzen. Patienten sitzen da, die schon bei der Frage „Wollen Sie Platz nehmen?“ Möchten Sie…? Wollen Sie…? Soll ich…?“ – es klingt harmlos. Ein höfliches Flöten, wie man es von einer netten Servicekraft bekommen würde.
Manche schreien: „HÖR AUF, MICH ZU FRAGEN! MACH ES EINFACH!“ – und weinen dann still in ihr Taschentuch.
Mögliche Schlagzeilen würden dann so aussehen:
MassiveControl von Nutzern verklagt
„Zahlt unsere Therapeuten-Rechnungen!“
Was als harmlose Servicefunktion begann, endete in einem Massen-Meltdown: Millionen von Nutzer*innen wurden in den Wahnsinn getrieben – nicht durch Viren oder Bugs, sondern durch permanente Erlaubnisfragen.
Die Klageschrift ist eindeutig: MassiveControl habe „vorsätzlich und systematisch die psychische Belastbarkeit untergraben“ und müsse nun für Therapie, Zwangseinweisungen und ausgefallene Arbeitstage aufkommen.
„Ich wollte nur einen Text schreiben, dann fragte mich das System 17-mal, ob ich das auch wirklich will“, berichtet eine Betroffene. Ein anderer Kläger sagt: „Seit mein Kühlschrank mich fragt, ob er die Milch kalt halten darf, rede ich nur noch in Ja-Nein-Sätzen.“
Juristen sehen bereits eine Sammelklage aufziehen. Ein Anwalt: „Das ist schlimmer als Abofallen. Das ist Dressur auf Systemebene.“
MassiveControl lehnt die Vorwürfe ab, kündigte aber an, „zukünftig noch freundlichere Rückfragen“ einzubauen. Ein Sprecher: „Wir wollen unsere Nutzer da abholen, wo sie gerade stehen. Zum Beispiel mit: ‚Möchten Sie uns jetzt verklagen?‘“
Doch immerhin bleibt uns die Gewissheit: Wenn die Menschheit je kollektiv verrückt wird, dann nicht durch Kriege oder Krisen, sondern durch Fragen, die keiner mehr hören kann.
#DarfIchDichInDenWahnsinnFragen