M.L.Bruun · Phantastik

Hundewelt

Phantastische Kurzgeschichte


»Du bist ein Hund. Also verhalte dich auch wie einer!«

Das hörte die Katze seit sie sich erinnern konnte. Sie hatte sich vorgenommen, ein besonders guter Hund zu werden.

»Aber warum schnurre ich?«, fragte die Katze.

»Das ist eine Störung«, sagte ein Hund.

Die Katze bemühte sich nun noch mehr, denn sie musste die Störung ausgleichen und nur noch ans Hundsein denken.

»Ich bin ein Hund, ich bin ein Hund, ich bin ein Hund.«

Dann gab es plötzlich ein Mäuseproblem. Alle Hunde rannten sofort den Mäusen hinterher und versuchten sie zu fangen. Bis auf die Katze. Die rührte sich nicht vom Fleck und beobachtete Hunde und Mäuse.

»Warum hast du nicht mitgeholfen?«, fragte einer der Hunde vorwurfsvoll. »Du bist zu nichts zu gebrauchen.«

Beim nächsten Mal rannte die Katze mit, wusste aber nicht, was das überhaupt sollte. Sie wusste, dass man die Mäuse so nie fangen würde, aber sie konnte sich auch irren, denn sie war kein besonders guter Hund. Keiner der Hunde schaffte es, eine einzige Maus zu fangen.

Eines Nachts schlich sich die Katze heimlich vor ein Mauseloch, und tatsächlich, wie sie dachte, fing sie die Maus. Wahrscheinlich Zufall, dachte die Katze, denn sie war ja kein guter Hund, was wusste sie schon. In den nächsten Nächten fing sie immer wieder Mäuse, sagte den anderen Hunden aber nichts davon, weil sie sicher wieder gesagt hätten, dass sie eine weitere Störung hätte und dann würde sie nie ein guter Hund werden...

In den nächsten Nächten fing die Katze immer mehr Mäuse. Es war so leicht wie Atmen oder Schlafen. Und jedes Mal, wenn ihre Pfote eine Maus berührte, fragte sie sich: „Wenn ich das kann… warum können die anderen, besseren Hunde das nicht?“

Aber wie ein alter Reflex kam ihr sofort die Antwort in den Kopf. „Weil alle Hunde sagen, dass es so ist.“

Also bewahrte sie ihr Geheimnis und versteckte schuldbewusst ihre Mäuse.


Nach anfänglichen Fehlschlägen bestand die Katze jedes Hundetraining, denn nur ein gut trainierter Hund hatte Chancen ein gutes Herrchen zu finden. Die Katze zog von Herrchen zu Herrchen, bestand noch weitere Trainingsrunden, sie lernte die Sprache der Vögel und der Echsen und fragte sich, ob es noch andere Hunde wie sie gäbe.

Dann traf sie ein paar schnurrende Hunde und verstand sich auf Anhieb mit ihnen. Doch auch sie hatten Störungen und die Katze zog weiter.

Eine Weile streunte sie umher, fing Mäuse und beobachtete die Welt. Sie fragte sich, ob es außer der Hundewelt noch andere Welten gab. Eine Vogelwelt oder eine Mäusewelt?

Dann traf sie einen anderen Hund. Er war ein guter Hund UND er schnurrte. Er kam aus einer Welt, wo Schnurren keine Störung war.

Die Katze folgte ihm in seine Welt, die eine Insel war, auf der jeder Hund so sein konnte, wie er war. Nach einer Zeit dachte sie zurück an die alte Hundewelt und ihr Zorn wuchs. Sie erkannte, wie schlecht man sie behandelt hatte und schnurrte nur umso lauter. Sie rannte keinen Mäusen mehr hinterher und das musste sie auch nicht, denn in der neuen Welt war das in Ordnung. Außerdem gab es kaum Mäuse, aber doch genug für alle.

Die Katze, zufrieden ein freier Hund zu sein, dachte über die Welt nach. Und sie schnurrte, räkelte sich, rollte sich zusammen und schlief, wie nur Katzen schlafen können.


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