M.L.Bruun · Phantastik

Flachland

Phantastische Kurzgeschichte


Im Flachland lebten Menschen, die Linien liebten. Sie pflügten in geraden Bahnen, pflanzten in Reihen und bauten Straßen wie Striche. Alles, was sich krümmte, nannten sie Unordnung.


Eines Tages tauchten am Horizont Spiralen auf. Sie waren weit weg, doch sie wuchsen schnell und bald ragten sie wie gewundene Säulen in den Himmel.

Einige sagten: „Das sind Tornados. Wir sollten uns in Sicherheit bringen.“

Die Ältesten des Flachlands aber lächelten milde. „Tornados gibt es nicht. Das ist nur ein bisschen Wind, das geht vorbei.“


Der Himmel war bleigrau, der Wind schmeckte nach Metall. Eine einzelne Linie stand am Rand der Ebene, so gerade, dass selbst der Staub an ihren Kanten abbrach. Von Westen her wuchs eine Spirale, kaum sichtbar am Anfang, dann wie ein pulsierender Trichter, der den Himmel verschluckte. Die Linie stellte sich der Spirale in den Weg. „Hier wird in Reihen gebaut und du bist kein Tornado.“

Der Rand der Spirale zitterte im Wind. „Ach? Was bin ich dann?“

„Nur ein Muster im Wind. Deko, eine optische Täuschung. Nichts, was Bestand hat“, sagte die Linie.

Die Luft knisterte, als die Spirale etwas näher rückte. „Und wenn ich dich ergreife?“

„Kannst du nicht“, sagte die Linie. „Ich bin gerade, klar und vorhersehbar. Du drehst dich ins Leere.“

Unbeirrt wirbelte die Spirale weiter. „Ich kann dich nicht brechen, aber ich kann dich biegen.“

Die Linie wich nicht zurück, sondern straffte sich noch ein wenig mehr. „Nicht, wenn ich dir den Namen nehme. Ohne Namen bist du nur Bewegung. Und Bewegung kann man übersehen.“

Um die Spirale erhoben sich Staubwolken zu einem Schleier: „Und während du wegsiehst, bringe ich den Himmel auf den Boden.“

„Nicht in meinen Karten“, erwiderte die Linie, „dort gibt es dich gar nicht.“

„Karten brennen schnell, wenn der Wind sie trägt. Lassen wir das, es führt uns nur vor und zurück zwischen zwei Punkten. Was, wenn ich dir sage: Du bist keine Linie?“

„Und was bin ich dann?“, fragte die Linie.

Die Spirale kreiste enger um die Linie und ihre Stimme glich einem fernen Donner. „Nur ein Pfad, den man zufällig gegangen ist. Eine Spur im Staub. Nichts, was Bestand hat.“

Die Linie blieb gerade. „Ich bin gerade, fest, messbar. Ohne mich verlierst du dich.“

„Gerade ist nur eine Drehung, die so langsam ist, dass du sie nicht spürst“, sagte die Spirale und machte eine vollendete Drehung.

„Ich halte Richtungen zusammen. Ich schneide durch das Chaos.“

Die Spirale kam bis auf Armeslänge an die Linie heran. „Du schneidest dich von dir selbst ab. Wenn ich dir den Namen nehme, bist du nur eine Bewegung ohne Ziel.“

„Und während du dich drehst, verlierst du, wo du begonnen hast.“

„Vielleicht", flüsterte die Spirale, "aber ich finde Orte, die du nie sehen wirst.“

Während Staub und Licht sich vermischten, erhob sich die Spirale mit dem Wind und nur die Kreise im Boden waren noch zu erkennen.


Die Spiralen kamen immer näher. Der Boden vibrierte und die Luft sang. Wieder riefen einige Flachländer: „Das sind Tornados!“

Die Ältesten schüttelten den Kopf. „Solange wir sie nicht Tornados nennen, sind sie keine.

Wenn wir sagen, sie existieren nicht, können sie uns nichts tun.“

Die Leute vom Flachland legten neue Felder an, bauten weitere Straßen und sahen nicht, wie an den Rändern Häuser zerfielen, das Korn vom Feld gerissen wurde und wie Kinder lernten, den Himmel zu meiden.


Eine alte Eiche im Flachland hatte die Unterhaltung zwischen Linie und Spirale mit angehört. Ihr Blätter raschelten im aufkommenden Wind. „Nennt die Spirale, was sie ist. Oder sie wird euch irgendwann beim Namen rufen, und ihr werdet nicht wissen, wie ihr antworten sollt.“ Doch niemand im Flachland verstand noch die Sprache der Bäume.



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