In einem Land, das sehr stolz auf sein Licht war, lebten die Sonnenblumenzüchter. Sie verehrten das Wachstum eines bestimmten Typs. Groß, aufrecht, gelb und dem Licht zugewandt. „Was der Sonne folgt, ist gut,“ sagten sie, „und was sich nicht streckt, will nicht leben.“ So richteten sie die Welt nach dem ein, was Sonnenblumen brauchen. Volle Sonne, reicher Boden und weite Felder, auf denen ausschließlich Sonnenblumen wuchsen. Pflanzen, die Schatten liebten, zogen sich zurück. Moose vertrockneten. Farne wurden zu Legenden und alles, was in Nischen wuchs, verlor das Recht zu sein. „Was sich duckt, hat nichts zu sagen,“ sagten die Züchter. „Alles, das Wurzeln schlägt ohne Blüte, ist vergeudet.“
Einige begannen sich zu fragen, wo all die Pflanzen waren, die einst im Nebel blühten und wo ist das Grün von Büschen und Kräutern war, was aus den Wäldern geworden war. Die Sonnenblumenzüchter lächelten und zeigten stolz auf ihre Felder. Und wohin das Auge auch blickte, überzog goldiges Gelb das Land.
Eines Tages geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Zuerst war es nur ein Rascheln, ein leises Knacken in den Stängeln und hier und da ein dunkler Schatten auf einzelnen Blättern. Die Sonnenblumenzüchter winkten ab. „Die Sonne wird es richten. Sie trocknet alles Kranke aus.“ Doch die Sonne war blind für das, was sich zwischen den Adern sammelte. Dann kamen sie in Scharen. Blattläuse, Raupen, Wanzen und Pilze. Sie fraßen das Licht, indem sie das fraßen, was dem Licht folgte.
Die Züchter riefen nach den Nützlingen, doch kein einziger zeigte sich. Überall suchte man nach Marienkäfern, Schwebfliegen, Spinnen und Vögeln. Man stellte Belohnungen für Hinweise, wo die Nützlinge zu finden waren, doch im ganzen Land waren keine aufzuspüren. Die goldenen Wüsten verfärbten sich in einen ungesunden graubraunen Farbton. Selbst Bienen und Hummeln kamen nicht mehr. Als das große Welken begann und sich kein Glanz mehr über die Felder legte, riefen die Sonnenblumenzüchter nach Lösung.
Die Züchter sprühten, streuten und verbrannten. Sie impften den Boden mit Substanzen, deren Namen länger waren als ihre Wirkung. Doch nichts schien zu wirken. „Es muss doch etwas geben, das stärker ist als Fäulnis!“ sagten sie. „Etwas, das die Reinheit der Sonnenblume schützt!“ Doch das Gift tötete nicht nur die Schädlinge, sondern auch das Letzte, das unbemerkt geholfen hatte. Sporen des Gleichgewichts, Mikroben der Erinnerung, die kleinsten Helfer unter den Wurzeln und die ruhenden Samen längst vergessener Vegetationen.
Als das Licht die Felder noch immer nicht heilte, holten sie Pflanzen aus anderen Ländern. Wildblumen, rankende Pflanzen, seltsame mit Farben, die nie vorgesehen waren, damit sie Nützlinge anlockten. Als Dienerinnen im Schatten der Sonnenblume. Aber die neuen Pflanzen sprachen eine andere Sprache. Sie blühten zur falschen Zeit. Sie kümmerten oder neigten sich dem Wind zu, statt der Sonne und wucherten ungezähmt in Richtungen, die nicht im Plan standen. „Sie sind ungehorsam,“ sagten die Züchter, „und stören die Ordnung.“ Die Sonnenblumenzüchter entfernten einige dieser neuen Pflanzen wieder, andere verschwanden von selbst.
Unentdeckt, am Rand eines Sonnenblumenfeldes begann etwas zu wachsen, das keine Sonnenblume war und dennoch Wurzeln schlug. Der Boden erinnerte sich an mehr als Gelb. Die Unplanbarkeit des Wildwuchses missfiel den Sonnenblumenzüchtern und da hatten sie eine Idee. „Wenn das natürliche Licht nicht reicht, machen wir künstliches! Das ist kontrollierbar, effizient und zielgerichtet.“
Sie errichteten Türme aus Lampen, Leuchtkörper über jedem Feld, dazu Programme, die den perfekten Tagesrhythmus berechneten. Sie nannten es Photosynthese on demand. „Wir füttern das Wachstum mit unserer eigenen Erleuchtung.“ Das künstliche Licht war gierig und verschlang Ressourcen. Die Sonnenblumen begannen ihre natürlichen Rhythmen zu verlieren, drehten sich nicht mehr zur Sonne, sondern nach oben zu den Lichtern. Als das System zu teuer wurde, blieb nur ein Kompromiss. Blinkende, bunte und hoch effiziente LEDs, die programmatisch choreografiert wurden. Die Felder erstrahlten nun im Takt der Hoffnung. Die Züchter nannten es Zukunftsfähiges Wachstum.
Seitdem wuchsen die Pflanzen nicht mehr. Unter einem Himmel aus blinkender Illusion standen die Sonnenblumen still und niemand wusste mehr, ob sie noch lebten oder nur beleuchtet waren. Die Sonnenblumenzüchter waren ratlos und ließen Boten in andere Länder schicken. Viele Experten kamen, doch niemand konnte helfen.
Ein Gärtner, der von dem Phänomen gehört hatte, trat einfach über die Grenze, die niemand mehr bewachte. Er war klein und trug Erde an den Händen. Sein Blick war langsam und seine Schritte unregelmäßig, als hätte er nie gelernt, in geraden Reihen zu gehen. Als er die Felder sah, blieb er lange still. Die Sonnenblumen standen wie Armeen im Takt der Lichter. Über ihnen summten die künstlichen Lampen. Ein Gewitter aus Flimmern und Blinken. Der Gärtner trat näher und legte sein Ohr an einen Stängel. Er berührte eine Blattunterseite und schloss die Augen.
„Sie schreien nicht mehr“, sagte er mehr zu sich selbst. Als er sich umwandte, blieb sein Blick an den Lampen hängen. Etwas in ihrem Flackern war nicht rhythmisch. Ein Fehler? Der Gärtner blinzelte. Nein. Das Blinken war ein Muster. Ein Puls? Wie ein Herz, das sich nicht in Strom umrechnen lässt. „Da lebt noch etwas“, flüsterte er.
Zuerst war es nur eine Vermutung. Eine winzige Unregelmäßigkeit im Takt. Er sah die Lichter, wie andere die Sterne sehen. „Vielleicht ist es gar kein Fehler. Vielleicht ist es ein Versuch, wie eine Sprache.“ Er beobachtete, erkannte eine bestimmte Abfolge und verglich er die Zeitabstände. Er notierte sich alles und seine Augen weiteten sich. Die Hand begann leicht zu zittern, nachdem der den Blinkcode in Sprache übersetzt hatte.
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