M.L.Bruun · Phantastik

Die Nachtigall

Phantastische Kurzgeschichte


Ein Mensch fing eine Nachtigall, weil ihr Gesang ihn rührte. Er wollte das Lied für sich allein bewahren und sperrte den Vogel hinter Stäbe.

Zuerst sang die Nachtigall weiter, weil sie es nicht anders kannte. Ihre Stimme war Wind und Morgenlicht. Doch eines Abends sprach sie, leise, fast wie im Traum:

„Lass mich frei. Meine Lieder gehören dem Himmel, nicht hinter Gittern.“

Der Fänger erschrak. „Nein!“, rief er. „Wenn ich dich freilasse, wirst du mir die Augen auspicken.“

Die Nachtigall neigte den Kopf. „Warum sollte ich das tun? Ich will nur fliegen.“

Der Fänger schüttelte den Kopf. „Du würdest dich rächen, weil ich dich eingesperrt habe. Ich kenne die Welt, so wäre es.“

Die Nachtigall schwieg eine Weile. Dann sagte sie: „Nein. So wärst du. Du sprichst nicht von mir, sondern von dir selbst. Ich bin Gesang und Wind. Rache ist ein Käfig, den du dir selbst gebaut hast.“

Von da an wurden ihre Lieder anders. Kein Jubel mehr, kein Morgenruf. Nur noch Klagen, ein Wispern von Sehnsucht, ein Lied, das mehr verstummte, als dass es erklang.

Das machte den Menschen wütend. Er wollte die alte Schönheit zurück, den Gesang, der ihn einst gerührt hatte. „Sing, wie ich es will!“, rief er und schlug mit den Händen gegen die Gitter.

Als die Nachtigall weiter klagte, entzog er ihr das Wasser. „Dann sollst du dürsten, bis du lernst.“ Als sie schwieg, entzog er ihr das Korn. „Dann sollst du hungern, bis du singst.“ Als sie nur noch schwach im Käfig saß, sperrte er sie in einen so engen Käfig, dass sie nicht umfallen konnte. Er flüsterte: „Du wirst mir gehorchen.“

Doch die Nachtigall sang nicht mehr.


Einige Zeit später...

Reporter: »Ich stehe hier am Waldrand, mitten in einer Kolonie von Sperlingsvögeln, deren männliche Vertreter auch als Nachtigallen bekannt sind. Sie selbst nennen sich Nachtsänger.« Er wendet sich zu einer Nachtigall um.

»Danke, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Ich berichte über den Fall, der gefangenen Nachtigall. Was kannst du dazu sagen?«

Nachtsänger: »Ein Nachtsänger in Gefangenschaft? Das wäre so wie ein rauschender Fluss mitten in der Wüste. Unvorstellbar.«

Reporter: »Ich habe dir die Geschichte vorgelesen. Was ist mit der Nachtigall am Ende passiert?«

Nachtsänger: »Wie ich schon sagte: Wasser versickert im Sand oder es verdunstet sofort. Ein Nachtsänger muss fliegen und zu Seinesgleichen zurückkehren. Wir lernen voneinander, erweitern unser Repertoire täglich und geben es an unsere Nachkommen weiter. Wenn dieser Kreislauf unterbrochen wird, bleibt nichts mehr, was das Leben eines Nachtsängers ausmacht.«

Reporter: »Der Fänger glaubte, die Nachtigall würde sich rächen, wenn er sie frei ließe. Was sagst du dazu?«

Nachtigall: »Rache ist ein Wort derer, die gefangen sind in Schuld. Wir kennen nur Aufbruch. Wir kennen nur den Himmel.«

Reporter: »Und was würdest du einem Menschen sagen, der dich einsperrt, um deinen Gesang für sich allein zu haben?«

Nachtigall: »Ich würde einen Klagegesang anstimmen und hoffen, dass er gehört würde.«

Reporter: »... Danke für das Interview.«


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