Da gab es diese Frau, die weder alt noch jung war und ihr Gesicht war unter einer Kapuze verborgen. Sie wirkte unscheinbar, in Lumpen gekleidet und ward immer wieder in einem der Dörfer und Städte gesehen. Niemand kannte ihren Namen, und doch kannte sie jeder. Menschen stellten Körbe vor die Tür mit verknoteten Riemen und verhedderten Netzen. Am nächsten Tag fanden sie alles fein säuberlich aufgeknotet und manchmal leg ein kleiner Gegenstand mit im Korb, oder eine Nuss, eine Feder manchmal ein Zweig oder eine Handvoll Samen.
Manchmal, wenn ein Dorf besonders in Streit lag, wenn Familien nicht mehr miteinander redeten oder Nachbarn übereinander herzogen, dann erschien die Frau. Nicht im Streit, nicht im Lärm, sie schlich in der Morgendämmerung durch die engen Gassen, unbemerkt, unscheinbar. Am Abend aber lagen Körbe vor vielen Türen, gefüllt mit den Dingen, die sich verheddert hatten: Garnknäuel, Angelschnüre, Seile, Riemen.
Und am nächsten Morgen war alles entknotet. Doch nicht nur das: Der Zorn im Dorf schien gemildert, als ob das Lösen der Fäden unsichtbar auch in den Menschen gewirkt hätte. Manchmal spürte jemand plötzlich, dass er doch um Verzeihung bitten wollte. Oder zwei, die jahrelang einander ausgewichen waren, trafen sich am Brunnen und lächelten, ohne zu wissen warum. So begann man, von ihr zu flüstern. Manche sagten: Sie sei ein uraltes Wesen, das nur in Lumpen gehe, damit niemand ihr wahres Licht sehe. Andere meinten: Sie sei die Tochter einer Spinnerin, die einst die Fäden des Schicksals kannte und verlor. Und wieder andere: Sie sei eine Wanderin aus den Wäldern, die den Knoten in den Herzen lösen könne, so wie in den Netzen. Niemand wusste es.
Aber jeder erkannte sie an den Gaben: Nuss, Feder, Zweig, Samen, kleine Zeichen, die mehr versprachen als Gold. Und einmal, so erzählt man, legte sie ein einziges, hauchfeines, durchsichtiges Garn in einen Korb. Es war kein gewöhnliches Garn, es glänzte im Licht wie Morgentau. Wer es sah, spürte, dass es sich nicht verknoten ließ.
Man munkelt, dieses Garn liege bis heute irgendwo verborgen, wartend darauf, dass jemand versteht, wofür es gedacht war.
Eines Nachts öffnete sich eine Tür, als die Gestalt gerade dabei war, die Knoten in einem Korb zu lesen. Der Schein von Kerzen fiel durch die Tür und erhellte das Gesicht der Frau, deren Kapuze vom Kopf gerutscht war. Die Frau blickte auf und ihre Augen waren so alt wie die Erde, doch wach und klar. Das Mädchen, das gerade noch ein verworrenes Knäuel in den Korb legen wollte, erstarrte. Die Frau lächelte verschmitzt. "Komm her, setz dich zu mir." Ihre Stimme klang wie das Rauschen des Windes. Zögerlich trat das Mädchen näher und hockte sich neben die Frau, deren Hände behändig flink mit den verknoteten Schlingen im Korb zu spielen schienen. "Ich zeig dir wie es geht. Mach es mir einfach nach." Das Mädchen sah genau hin und warf das Knäuel in ihrer Hand in die andere und wieder zurück. Doch nichts entwirrte sich. Da nahm die Frau die Hände des Mädchens und zeigte ihr die Bewegungen. Nach einer Weile ließ sie die Hände los und ließ das Mädchen weitermachen. "Stell dir vor, wie sie aussahen, bevor sie verknotet waren." Und da lösten sich die Knoten. Das Mädchen sah die Frau mit großen augen an, als könnte sie nicht fassen, was sie selbst gerade getan hatte. Die Frau nickte. "Es ist eine Spirale." Das Mädchen spürte in diesem Augenblick, dass etwas in ihr selbst sich mit entknotete. Nicht nur das Garn, nicht nur die Schlingen im Korb, auch die Gedanken, die sie in den letzten Wochen bedrückt hatten, fühlten sich leichter an, als hätten sie sich mit dem Faden aufgelöst.
Die namenlose Frau lachte leise, ein Lachen wie das Knacken trockenen Holzes im Feuer. „Siehst du, Kind? Jeder Knoten ist nur ein Augenblick, der vergessen hat, wie er begonnen hat. Wenn du dich erinnerst, was er einmal war, bevor er sich verdrehte, dann findest du den Weg zurück.“
Das Mädchen ließ das Knäuel durch die Finger laufen. Die Schlaufe, die eben noch unüberwindbar schien, glitt auseinander wie Wasser. „Es ist eine Spirale“, wiederholte sie flüsternd.
Die Frau nickte. „Und Spiralen hören nie auf. Sie führen dich immer weiter, nicht zurück in die Vergangenheit, sondern in die Tiefe des Jetzt.“
Als die Kerze im Haus langsam niederbrannte und die Schatten länger wurden, reichte die Frau dem Mädchen eine kleine Gabe: einen winzigen Beutel mit drei Samenkörnern darin. „Setz sie in die Erde, wenn du das nächste Mal denkst, dass du im Knoten gefangen bist. Sie werden dich erinnern.“
Dann zog sie die Kapuze wieder über ihr Gesicht, und als das Mädchen sich noch einmal umwandte, war sie verschwunden, nur der Korb stand noch da, nun vollkommen entwirrt, als hätte nie ein Knoten darin gelegen.
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