Es begann an einem Dienstag, der offiziell ein Montag war. Zumindest behaupteten das die großen Turmuhren, deren Zeiger von der Regierung gestellt wurden. In der Werkstatt von Meister Zeiger aber tickte eine Uhr anders. Sie war alt, aus dunklem Holz geschnitzt und ihr Pendel schwang im Rhythmus eines Herzschlags, den nur der Uhrmacher selbst hören konnte. Wer die Zeit auf diesem Zifferblatt las, fand nicht zwölf Stunden, sondern zwölf Zeichen. Kleine Gravuren von Blättern, Sternen, Wellen und Federn. Und wenn der Zeiger auf das richtige Zeichen sprang, öffnete sich irgendwo in der Stadt ein Tor aus Licht, das sich nur denjenigen zeigte, die gelernt hatten, auf die falsche Zeit zu vertrauen.
An diesem Dienstagmorgen trat eine junge Frau in die Werkstatt. Sie hieß Jana, trug einen Mantel mit einer zerrissenen Tasche und den Blick eines Menschen, der mehr Fragen als Antworten bei sich trägt. „Meine Uhr…“, begann sie, und zog ein kleines, zerbeultes Taschenuhrgehäuse aus der Tasche. „…geht seit Wochen nicht mehr richtig.“
Meister Zeiger nahm die Uhr in die Hand, drehte sie einmal zwischen den Fingern und sah, dass sie gar keinen Sekundenzeiger besaß. Nur zwei Zeiger und einen winzigen dritten, kaum sichtbar, der sich in einer Kreisgravur bewegte. „Diese Uhr gehört nicht in eure Zeit“, sagte er leise.
In diesem Moment sprang der unsichtbare Zeiger auf das Zeichen der Welle. Irgendwo in der Stadt begann ein Tor aus Licht zu glimmen. Das Glimmen begann schwach, kaum mehr als ein Zittern im Schatten einer alten Gasse. Jana spürte es, bevor sie es sah, wie einen leisen Ruf, wie im Rhythmus ihres Herzschlags.
„Folgen Sie ihm“, sagte Meister Zeiger, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er drückte ihr die Uhr zurück in die Hand und nickte ihr zu.
Sie fühlte, wie der winzige Zeiger warm unter ihrem Finger pochte und verließ das Geschäft.
Die Straßen der Stadt wirkten verändert. Geräusche wurden dumpfer, Farben intensiver. Menschen gingen an Jana vorbei, doch niemand schien den silbrigen Schimmer an der Mauerkante zu bemerken. Als sie die Gasse erreichte, war das Licht schon klarer. Es wob sich wie feine Fäden und öffnete sich langsam zu einem Bogen, der in eine Weite führte, die unmöglich hinter dieser Mauer liegen konnte.
„Wer die falsche Zeit liest“, murmelte Jana, „findet den richtigen Ort.“ Sie trat durch das Schimmern der Mauerkante hindurch. Das Licht legte sich wie warmer Regen auf ihre Haut, und für einen Augenblick fühlte sich Jana schwerelos und die Luft veränderte sich. Sie schmeckte nach wildem Thymian und Sommerregen.
Vor ihr breitete sich eine Landschaft aus, die keinem Plan folgte. Wege wanderten wie Flüsse, Bäume trugen Blüten und Früchte zugleich, und irgendwo sang ein Vogel in einer Sprache, die ihr Herz verstand, auch wenn ihr Kopf sie nicht übersetzen konnte.
Am Fuß eines sanften Hügels stand eine Sonnenuhr. Doch statt Schatten zu werfen, glühte sie und ihr Zifferblatt zeigte dieselben zwölf Zeichen wie Meister Zeigers alte Uhr.
Neben der Sonnenuhr stand jemand. „Du bist spät“, sagte die Gestalt und lächelte, als hätte sie Jana schon lange erwartet. Die Gestalt war in ein Gewand aus ineinanderfließenden Farben gehüllt, als hätte jemand den Himmel bei Sonnenaufgang gewebt. Ihre Augen spiegelten die Zeichen der Sonnenuhr.
Jana hatte das Gefühl, als würde jede ihrer Bewegungen von diesen Augen gelesen und verstanden.
„Ich bin Jolan“, sagte die Gestalt, „Hüter der Wege, die sich nicht wiederholen.“
Jana öffnete den Mund, um zu fragen, was das bedeuten sollte, doch Jolan hob nur eine Hand und deutete auf ihre Uhr.
Der winzige Zeiger bewegte sich jetzt schneller, hüpfte von einem Zeichen zum nächsten, bis er auf einer kleinen Gravur von zwei ineinander verschlungenen Federn stehen blieb.
„Dein erster Schlüssel ist in der Nähe“, sagte Jolan. „Mit jedem Schlüssel wird ein Teil der Stadt wieder zu dem, was sie einmal war, bevor die Uhren uns allen dieselbe Zeit diktierten.“
„Und wenn ich die Schlüssel nicht finde?“
Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, schreib mir unter "Kommentieren", dann stelle ich den Rest der Geschichte ein.