M.L.Bruun · Phantastik

Der Wal

Phantastische Kurzgeschichte - Leseprobe


Letztens, in einem der Weltmeere, bog ein Wal gerade um eine Strömung, als er etwas Kleines, Sprudelndes sah. Bei näherer Betrachtung stellte es sich als ein Landgeher heraus, der schwer bepackt im Wasser herumfuchtelte. Der Wal wollte gerade vorbeigleiten, als misstönige Klangwellen in seine Sinne dröhnten.

"Hey, wer bist du?", fragte der kleine Körper in seiner abgehackten Sprache.

Der Wal hielt inne. "Ich bin ein Wasserbewohner. Wer bist du?"

Es dauerte eine Weile bis das zappelnde Kleinwesen antwortete. "Ich bin ein Walforscher und ich suche Kontakt zu deinesgleichen. Also wer bist du?"

Der Wal gab einen lang gezogenen Seufzer von sich. Was sollte diese Frage bedeuten? Der Mensch wusste doch offenbar, mit wem er sprach. Aber gut. "Ich bin ein Wal."

"Jaja ich weiß", beeilte sich das sprudelnde Wesen zu sagen, "ich meinte, wer bist DU?"

"Ich?"

"Ja."

"Warum willst du das wissen? Wir kennen uns doch überhaupt nicht."

Wieder dauerte es etwas länger, als würde der Landgeher nicht begreifen, was er wahrscheinlich auch nicht tat, dass man erst eine Verbindung aufbaut, bevor man eine solch persönliche Frage stellt. Der Wal schwieg eine Weile. Um sie herum zogen silbrige Fischschwärme vorbei, die im Licht der Strömung wie glitzernde Schleier wirkten.

Der Landgeher sprudelte weiter, unruhig, fast zappelnd: „Also, wer bist du nun?“

Der Wal ließ einen tiefen Laut durch das Wasser rollen, so weich, dass selbst die Fische innehielten. „Sag mir, Landgeher: Wenn du an einem Ufer stehst und eine Muschel findest, fragst du sie auch sofort, wer sie ist? Oder hörst du ihr erst zu?“

Der Mensch blinzelte, schwer bepackt, die Beine paddelnd. „Muscheln reden doch nicht!“

„Nicht in deiner Sprache,“ erwiderte der Wal, „aber sie reden. Mit Salz, mit Sand, mit der Welle, die sie schließt, wenn Gefahr kommt. Wer zuhört, weiß bald mehr, als eine Frage je sagen kann.“

Der Landgeher schnaubte. „Aber ich bin Forscher. Ich brauche Daten, nicht… Muschelgeflüster!“

Der Wal lächelte, soweit Wale lächeln können. „Dann wirst du nur Zahlen sehen und niemals verstehen, wer vor dir schwimmt. Denn Sein lässt sich nicht messen, nur durch Verbindung erfahren.“

Eine Strömung zog zwischen ihnen hindurch, trug das Echo der Worte weiter.

Der Landgeher ruderte ratlos mit den Armen. „Und wie… baut man so eine Verbindung auf?“

Der Wal antwortete leise, fast wie ein Geheimnis: „Indem man länger zuhört, als man spricht.“

"Ich kann zuhören. Also los, erzähl mir etwas."

Was will er hören? Eine Geschichte? Dem Wal gefiel die fordernde Art nicht, wie der Mensch ihn drängte. Wollte er nun in Verbindung treten oder etwas beweisen? Er sah dem unruhig flatternden Punkt vor seinem Auge eine Weile zu aber es machte ihn ganz benommen. Also gut, er will Verbindung. Der Wal bewegte seine Flossen auf und ab. Der kleine Mensch wurde durch die Verwirbelung einige Male um seine eigene Achse gedreht.

"Hey, warum tust du das?", fragte er, nachdem er wieder in einer ruhigeren Lage war.

"Ich habe nur das getan, was auch du tust", sagte der Wal.

"Aber ich", antwortete der Mensch, "habe keine Wahl. Wenn ich nicht paddle, sinke ich auf den Meeresboden."

"Und was wäre daran so schlimm?", fragte der Wal.

"Dann würde ich vom Druck zerquetscht oder beim Auftauchen explodieren."

"Dann bist du entweder im falschen Element oder du hast dich nicht genug darauf vorbereitet." Eine vorüberziehende Planktonwolke lenkte die Aufmerksamkeit des Wals kurz ab. Er wollte ihr gerade folgen, als der Mensch wieder die Stille des Wassers brach.

"Was ist dein Ziel?"

Was sollte das wieder bedeuten? Diese Landgeher stellen merkwürdige Fragen. "Ziel?" "Ja, wohin willst du?" Der Wal dachte nach. Will ich irgendwo hin? "Ich folge der Strömung bis meine Sinne etwas anderes wahrnehmen."

"Darf ich dich berühren?", fragte das kleine Wesen plötzlich. Was? Wie kam er jetzt darauf? "Warum?", fragte der Wal.

"Ich will dich fühlen."

Eigentlich sprach nichts dagegen. Fühlen war ja etwas Natürliches. "Also gut, wenn es sein muss." Das sprudelnde Wesen kam dicht an die Haut des Wals und berührte ihn. "Es kitzelt."

Der Mensch machte ein merkwürdiges Geräusch, wie ein Raunen. "Du bist so groß."

"Ich weiß", sagte der Wal.

"Und mächtig", fügte der Mensch hinzu.

"Nicht mächtiger als du", gab der Wal zurück.

"Aber du könntest mich einfach verschlingen."

Was denkt er von mir? "Warum sollte ich mir den Magen verderben?", fragte der Wal. ...


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