M.L.Bruun · Phantastik

Der Ritter im Feenland

Phantastische Kurzgeschichte


Man sagte, er sei vom Sturm geboren, ein Wesen aus Stahl, Lichtreflexen und Pflicht. Sein Schild war so groß wie sein Schweigen. Er trug ihn, weil man es ihm beigebracht hatte, dass nur wer schweigend schützt, bestehen darf.

Eines Tages ging er durch ein Tor, so schmal wie ein Atemzug und doch weiter als jedes Feld, das er je durchritten hatte. Das Land bestand, so weit er sehen konnte aus Wiese und Wäldern.

Der Tau des Morgens glitzerte auf Blättern und eine Melodie aus Summen und Sirren ließ etwas in dem Ritter schwingen. Dies musste das sagenumwobene Land der Feen sein.

Etwas bewegte sich zwischen den Blättern und viele kleine Wesen betrachteten ihn aus neugierigen Augen. Die Feen kannten keine Rüstung. Sie flogen nicht weg. Eine besonders vorwitzige Fee trat hervor. Nur etwas kleiner als er selbst. "Wer bist du?", fragte sie.

"Ich bin ein Ritter."

Die Fee stemmte die winzigen Hände in die Hüften. "Aha. Was ist ein Ritter?"

"Ich bin das Werkzeug meines Königs."

Ein empörtes Raunen hallte durch den Feenwald.

"Ich mag diesen König nicht“, sagte die Fee. „Wer macht Wesen zu Werkzeugen? Das ist nicht gerade die feine Art."

Der Ritter entschuldigte sich und versuchte die Fee mit schönen Worten zu beruhigen.

"Was fällt dir ein, mich so zu behandeln? Ich bin eine Fee, kein toter Stein."

Der Ritter riss seinen Schild hoch und die Feen stoben auseinander.

Die mutige Fee ging auf den Ritter zu, der seinen Schild wieder gesenkt hatte. "Lass das! Es erschreckt uns. Warum tust du das überhaupt?"

Wieder entschuldigte sich der Ritter. "Es ist das, was mir beigebracht wurde. Wenn ich den Schild auf mein Gegenüber richte, erkennt er sich selbst und will nicht mehr angreifen. Es ist eine bekannte Kriegstaktik."

"Ach ja?", widersprach die Fee, " und du meinst, du kannst dieses Reich betreten und hier Krieg führen?"

"Ich will keinen Krieg führen", sagte der Ritter, "ich will beschützen. Das ist meine Aufgabe."

"Warum versteckst du dich dann hinter diesem Panzer und diesem Schild? Wer bist du dahinter wirklich?", fragte die Fee herausfordernd.

Einen Moment legte sich Stille über den Wald. Selbst das Summen und Sirren hielten erwartungsvoll inne.

Der Ritter nahm den Helm ab und wuchs ein Stück. Nach und nach entledigte er sich des Panzers, der ihm nun zu klein erschien. Er wuchs, doch die Fee wich nicht zurück.

"Das ist schon besser", sagte sie, "und nun, wer bist du jetzt?"

Da stand er nun, zu groß für den alten Panzer und dachte zum ersten Mal darüber nach, wer er war. Er wusste nicht, was es bedeutete, einen Ort zu betreten, an dem man nicht verteidigt. "Ich bin ich", sagte er, weil ihm gerade nichts anderes einfiel.

"So. Nun gut, dann nenne ich dich "Der Wahre".

Manchmal flackerte er zurück in seine kleinere Form und zog reflexhaft den Schild hoch, von dem er sich nicht getrennt hatte. Doch mit jedem Tag sank der Schild ein wenig tiefer, und sein wahres Ich kam zum Vorschein. Er spürte, dass er weder Kämpfer noch Werkzeug war. Seine Stellung als Ritter hatte ihm verboten, über sich selbst nachzudenken. Er fand Gefallen an der Zuwendung und dem Mut der Fee, ohne Rüstung und ohne Schild.

An einem Tag, als sich Regen und Sonne gleichzeitig zeigten, legte er den Schild ab.

Die mutige Fee setzte sich auf seinen Arm. „Endlich“, sagte sie. "Jetzt bist wahrhaftig du selbst."


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