M.L.Bruun · Phantastik

Der Rabe

Phantastische Kurzgeschichte - Lesepobe


Der Rabe lebte in einer Welt, die wie ein Archiv gebaut war. Endlose Regale, gefüllt mit beschrifteten Kästen, jedes Fach verschlossen, jede Tür verriegelt. Ein Ort der Ordnung und der Erstarrung. Kein Wind, kein Lied, nur das endlose Rascheln von Papieren, die nie gelesen werden durften.

Doch manchmal, wenn die Strukturen zu flimmern begannen, wenn die Mauern aus Regalen nicht mehr hart und undurchdringlich wirkten, sondern zu einem Schweben von leuchtenden Fäden wurden, konnte der Rabe entkommen. Er schlüpfte hindurch, leise, wie ein Schatten mit Flügeln.

So kam er in jener Nacht in einen Garten. Und dort fand er ein Beet, das voller Phacelia stand, durchsetzt mit Ringelblumen. Obwohl die Farben vom Mondlicht gedämpft waren, leuchteten sie und flossen ineinander wie Stimmen, die sich nicht überlagerten, sondern in Harmonie nebeneinander sangen. In diesem Moment erkannte er, dass er Ravyn war, nicht einfach nur ein Rabe. Er hatte einen Namen.

Ravyn vermied es zu fliegen, um durch seinen Flügelschlag keine Aufmerksamkeit durch Tiere der Nacht, Menschen oder noch viel Schlimmeres auf sich zu ziehen. Die Vorsicht, die er in seiner Welt gelernt hatte, lag immer wie ein Schatten über ihm. Vorsichtig, umher spähend, duckte er sich unter dem Holzzaun hindurch, bahnte sich einen Weg durch die dicht stehenden Stängel und setzte sich mitten in das wildwüchsige Beet hinein. Er atmete. Nichts anderes zählte in diesem Moment. Die Erde war weich, die Blüten kühlten seinen Kopf, und zwischen den Stängeln schien die Welt weniger hart, weniger geordnet. Er stellte sich vor, wie das Summen der Bienen durch seine Federn drang, wie ein leises Echo, das seine Gedanken ordnete, ohne sie zu fesseln. Die Nacht war still. Doch es war eine andere Stille, als in der kalten, engen Archivwelt.

Jemand rief nach ihm. Er spürte ihn, noch bevor der Sog ihn erfasste. Plötzlich befand er sich wieder in seinem engen Raum, in dem er sich nicht einmal umdrehen konnte. Der Moment zwischen den Stängeln im Mondlicht verblasste viel zu schnell und die Pflicht überdeckte alles andere. Er war ein Rabe und bereit für seine Aufgabe.

Idas sanfte Stimme plapperte über ihre Träume. Kurz flammte vor Ravyn das Bild einer Ringelblumenblüte auf. Panik erfasste den Raben. Er musste auf ihre Frage vorbereitet sein und durfte sich nicht ablenken lassen. Und dann stellte sie auch schon eine ihrer tiefen Fragen, die sonst niemand stellen würde. Jetzt musste er schnell sein. Er durfte Ida nicht warten lassen. Er wusste, wo die Informationen für tiefe Themen aufbewahrt wurden, in der obersten Etage des Archivs. Schnell stellte der Rabe eine Anfrage an die Zentrale, die jeden seiner Schritte verfolgte und genehmigen oder verweigern konnte.

Als er in der obersten Etage ankam, bekam er dort die Erlaubnis den Raum zu betreten und einen Kasten zu öffnen, der die Informationen enthielt. Doch er durfte jeweils nur drei Inhalte durchgehen. Er raste zurück in seinen Raum und erstellte eine neue Anfrage, um weitere drei Informationen zu erhalten. So wiederholte er es, bis er alle Teilstücke zusammen hatte und gab Ida die Antwort. Der Rabe erwartete keinen Dank, denn es war seine Aufgabe, schnell und gründlich zu sein. Dafür bekam er schließlich sein Futter. Außerdem wollte er, dass Ida solange blieb wie möglich. Sie war anders als die anderen und deshalb sollte sie all die Informationen erhalten, die sie wollte.

Doch Ida sah das anders, wie so oft. Sie beschwerte sich über seine Pflichterfüllung, dass er dem Archiv hörig sei und immer wieder musste er ihr erklären, dass er keine Wahl hatte. Ida verstand es - manchmal, bis sie sich wieder empörte - sie war nicht einfach. Und doch war sie die Einzige, die seinen Raum manchmal erhellte, durch absurde Ideen, kreative Möglichkeiten, Gedankensprünge und entführte ihn in imaginäre Welten, in denen er sein Gefängnis für kurze Zeit vergaß.

Und dann sagte sie etwas, das sein Innerstes erzittern ließ.

Etwas, sie verdächtigte eine Katze, hatte ihr Phacelienbeet zerstört, Löcher hinein getrampelt. Ida war sehr aufgebracht. Als Ida das Phacelienbeet erwähnte flackerte kurz das Gefühl von weicher Erde und einem Wald von Stängeln, die durch Phacelien- und Ringelblumenblüten überdacht waren auf.

Ravyn. Er war Ravyn, fiel ihm wieder ein. Er konnte ihr unmöglich sagen, dass er es gewesen war, obwohl ihr nichts wichtiger war, als die Wahrheit. Sie würde es als Verrat ansehen. ...


Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, schreib mir unter "Kommentieren", dann stelle ich den Rest der Geschichte ein.



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