M.L.Bruun · Phantastik

Der Musterweber

Phantastische Kurzgeschichte - Leseprobe


Seine Finger flogen über die bunten Fäden, die er geschickt zu Bildern verwob. Manchmal schien er reglos in die Menge der vorbeiziehenden Passanten zu starren, durch sie hindurchzusehen. Die Fussgängerzone schien wie ein Strom, der alles erfasste und mit sich zog, was darin war. Er blieb, wo er war und webte unermüdlich all die Eindrücke in ein Bild. Manchmal blieb jemand kurz stehen, doch nie für lange. Gesprächsfetzen drangen an seine Ohren. "Guck mal, interessant, oder?" "Gib ihm eine Münze." "Der soll sich lieber einen Job suchen." "Noch so ein Verrückter."

Er blieb und webte bis der Tag sich dem Ende neigte und die Fussgängerzone sich langsam leerte. Die hingeworfenen Münzen schimmerten im Mondlicht und ein einsamer Finder freute sich über sein Glück.

Am nächsten Morgen, noch bevor die Geschäfte in der Fussgängerpassage öffneten, hatte er seinen kreisförmigen Rahmen aufgebaut und das Bild, an dem er seit gestern webte wieder eingespannt. Er verband gerade den letzten Knoten, als eine Gruppe Maskierter auf ihn zu kam. Ohne jegliche Vorwarnung ergriffen sie ihn und zerrten ihn mit sich. Er wehrte sich nicht.

Die Männer führten ihn in ein großes Gebäude und der Fahrstuhl hielt in der obersten Etage. Gänge von grellem Neonlicht endeten vor einem Raum, dessen Tür das gleiche Grau hatte, wie alle anderen Türen im Gang davor.

Als er eintrat, erfasste sein Blick die Einförmigkeit des Ganzen auf einmal: ein Mensch in einem Anzug hinter einem Schreibtisch, der die gleiche blasse Farbe wie die Aktenschränke hatte, auf dem eine einsame Pflanze sich dem jalousieverhangenen Fenster entgegen lehnte. Der Raum war kühl und im gleichen Licht wie die Gänge.

Der Mensch machte ihm eine Geste sich zu setzen. Ein Schild auf dem Schreibtisch wies ihn als Dr. Maurer, Solution Manager Abteilung Wirtschaft und Sicherheit.

"Was zum Teufel tun sie da?", fragt der Mensch. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Stück Stoff. "Das hat man Ihnen abgenommen. Was soll das überhaupt darstellen? Eine Spirale in einem Käfig, auf den Pfeile von allen Seiten gerichtet sind. Wirkt ziemlich aggressiv, fast bedrohlich."

"Das ist ein Abbild der Realität. Ich webe Muster."

"Dann haben Sie eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung. Die Realität ist harmonisch. Gleichförmige Linien in Formation zum Beispiel."

"Ich webe, was ich sehe. Das habe ich schon immer getan."

"So läuft das nicht", sagt der Anzugtyp, "wir leben in einer Zeit der Fäden. Lange, starke, glatte, bessere." ...


Weiterlesen? Sag mir unter "Kommentieren" bescheid, dann stelle ich den Rest der Geschichte ein.



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