M.L.Bruun · Phantastik

Das verlorene Siegel

Phantastische Kurzgeschichte - Leseprobe


Das verlorene Siegel


1. Die Glut unter dem Tisch

Draußen wütete der Winter, als hätte der Wind selbst das Gedächtnis verloren. Drinnen jedoch knisterte das Feuer leise, und Brotsuppe duftete nach Kümmel und vergangener Wärme. Acht Gestalten saßen um einen Tisch, dessen Oberfläche vom Alter glänzte wie poliertes Gedenken. Das trotzig flackernde Licht der Kerze spielte auf den Gesichtern wie das Zögern einer Erinnerung.

Alle Blicke ruhten auf ihm. Jomo richtete sich auf, als trüge er ein unsichtbares Gewand aus Worten. „Vor langer Zeit, als die Türme noch sangen und kein Kind mit Hunger einschlief, gab es ein Siegel. Keines aus Wachs. Kein Herrschaftszeichen. Ein altes Band, das Wirklichkeit mit Hoffnung verknüpfte. Die Clans wollten es, und zerstörten es. Oder glaubten es zumindest.“ Palina hob eine Braue. „Und du glaubst, es existiert noch?“ Jomo lächelte schief. „Ich glaube an das, was man flüstert, nicht was man brüllt.“

Enis rieb sich die Stirn, als wolle sie Gedanken glätten. „Ein Symbol, das verbindet. Das wäre etwas.“ Aturrs Stimme schnitt wie kalter Stahl. „Oder etwas, das Angst macht.“ Thanax und Thalf kicherten leise wie zwei Kinder, die wussten, dass sie zu viel wussten. Kalus hob eine kleine Klinge und hielt sie ins Licht. „Wir brauchen mehr als Geschichten. Wir brauchen Orte. Werkzeuge. Namen.“ Die Glut knackte. Ein einzelner Funke stieg auf, und verschwand im Ofen, ohne dass jemand es bemerkte.

Errwen stand auf. Seine Stimme fing sich in jedem Winkel der Kammer wie ein Schwur, der längst gesprochen war. Dann soll dies unser Schwur sein,“ sagte Errwen. „Weil niemand sonst diesen Unsinn anfangen würde, und wir zu stur sind, ihn zu lassen.“

In diesem Moment bäumte sich die Glut im Ofen auf, wie eine vergessene Erinnerung. Aus den Flammen formte sich ein Liniennetz, fragil und leuchtend: eine Karte. Umrisse. Wege. Ein kleines Kreuz. Dann, ein zischendes Geräusch, als würde die Zeit selbst ein Blatt Papier verschlucken.

Die Karte brannte. Kein Rauch, keine Asche. Nur ein Flackern, das nicht aus dem Ofen stammte. Jomo starrte wie gebannt. „Das war kein Zufall.“ Palina trat näher, ihre Hand zitterte. „Was… war das?“ Errwen senkte den Blick. „Ein Wegweiser. Oder eine Warnung.“ Stille legte sich über sie, schwer wie der erste Schnee auf altem Pflaster. Draußen schrie der Wind, doch im Inneren des Gasthauses war es nicht mehr warm. Irgendetwas war erwacht. Und es hatte ihre Namen gehört.


2. Die Kräuter, der Knochen und der Bote

Sie gingen noch vor Sonnenaufgang. Die Bäume hielten den Atem an, als wüssten sie, dass etwas auf dem Weg war. Enis trug eine Tasche voller getrockneter Kräuter. Palina ging neben ihr her. In ihrer Jackentasche klapperten kleine Glasfläschchen. Niemand wusste, ob sie Medizin, Tinte oder einfach nur Steine enthielten.

Der Pfad führte durch den alten Kräuterwald, ein Ort, wo Gerüche Wurzeln schlugen und selbst das Moos manchmal nieste.

„Erinnerst du dich an diesen Ort?“ flüsterte Palina. „Hier war ich mit meiner Mutter… lange vor dem Fall der Zünfte.“ Enis nickte. „Ich habe hier meine erste Salbe gekocht. Sie war grün. Und hat gebrannt.“ Palina lachte leise. Das Lachen blieb an einem Ast hängen. Plötzlich raschelte es im Unterholz. Etwas Kleines, Flinkes, Pelziges sprang auf einen Stein. Ein Marder. Mit einem Ast im Maul und einer Schnur um den Hals.

„Verzeihung“, sagte der Marder. „Ist das hier der Pfad zur Revolution?“

Palina blinzelte. Enis trat einen Schritt zurück. Der Marder legte den Ast ab wie eine Pfeife und zupfte die Schnur zurecht. „Ich bin Mikk. Früher Spion dritter Klasse. Jetzt freiberuflich.“

„Du… sprichst?“

„Und ich höre auch. Am besten, wenn’s klüngt.“

„Klüngt?“

„Innereien, meine Liebe. Was zwischen den Worten wohnt. Gedärme singen die Wahrheit. Mögt ihr Karten? Ich kann sie fressen und trotzdem den Inhalt behalten.“

Palina flüsterte: „Ich liebe diesen Wald.“

Sie nahmen ihn mit. Was blieb ihnen auch übrig. Mikk sprang von Ast zu Ast, während sie tiefer in das Herz des Waldes vordrangen. Schließlich erreichten sie den alten Tempel. Ein Bau aus Stein und Farn, fast eingesunken in den Boden, als hätte er genug gesehen. Im Inneren roch es nach Salbei, Ruß und etwas, das man nicht benennen konnte, ohne kurz ins Leere zu starren. Palina hob den Stab. An der Wand: verschlungene Zeichen.

Ein Kreis mit Zacken, sah aus wie…“ Enis trat näher. „Alt. Und doch nicht fremd.“

Palina kniete sich nieder. Ihre Finger fuhren über das eingeritzte Muster.

„Wie der Gildentisch.“

Mikk tapste auf ihre Schulter. „Ich empfehle Rückzug. Die Luft ist… nervös.“

Doch Enis folgte einer Spur aus getrockneten Kräutern. Am Ende: ein kleiner Altar. Darauf: ein Ring aus Knochen, in dessen Mitte ein roter Kiesel ruhte. Sie berührte ihn. Licht zuckte über die Wände, wie Schatten, die alte Tänze übten.

Die Nacht kam schnell, als hätte jemand die Sonne aus Versehen eingesteckt. Sie schlugen ein Lager im Tempel auf, eingehüllt in Decken, Müdigkeit und das, was keiner sagte. Mikk rollte sich auf Palinas Umhang zusammen, dann hob er langsam den Kopf. Seine Stimme war kaum hörbar.

„Einer von euch lügt.“

Enis sah auf. „Was?“

Aber der Marder schnarchte bereits, oder tat zumindest so. Palina starrte in die Dunkelheit. Der rote Kiesel leuchtete schwach, als würde er zuhören.

Und draußen raschelte es. Etwas lauerte in der Erinnerung der Steine.


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