Sinus M. Stronkwater · Kommentare

Perfekt entschuldigt

Über das deutsche Bedürfnis, sich zu entschuldigen oder warum wir uns nicht trauen, stolz zu sein



Man erzählt sich gern Klischees über die Deutschen: Präzision, Pünktlichkeit, Humorlosigkeit. Doch hinter dem Spott steckt eine bittere Wahrheit. Woher soll Humor auch wachsen in einem System, das Fehler nicht als Chance, sondern als Schuld definiert? Schon in der Schule wird ein Bestrafungssystem eingeübt, in dem Fehler rot markiert, abgestraft und als Makel in die Noten gegossen werden. Wer so aufwächst, lernt schnell: Perfektion ist nicht Freiheit, sondern Überleben.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Der deutsche Perfektionismus ist kein Stolz, sondern eine Dauerabwehr. Kaum jemand wagt, etwas Selbstgeschaffenes einfach zu zeigen. Stattdessen das Mantra: „Ist leider nicht so gut geworden.“ Selbst dann, wenn es makellos wirkt. Es ist die prophylaktische Entschuldigung, bevor Kritik kommen kann. Die innere Stimme des Staates hat längst im Kopf Platz genommen: Misstrauen, das nach innen gekehrt wurde.

„Ich kann das nicht“ gehört in dieselbe Kategorie. Es bedeutet oft nicht, dass die Fähigkeit fehlt, sondern das Diplom, das Zertifikat, der Stempel. Können ohne Nachweis gilt als wertlos. Der Wert eines Menschen wird über Eigentum, Leistung und Urkunden definiert. Wer sie nicht hat, fühlt sich unsichtbar, minderwertig, kaum existent.

So wächst eine Gesellschaft heran, die Weltklasse im Konstruieren, Organisieren und Funktionieren ist, aber kaum gelernt hat, stolz auf das Eigene zu sein. Perfektion wird erwartet, Stolz verboten. Was bleibt, ist die Haltung des permanent Entschuldigten: lieber zu streng mit sich selbst als im Verdacht, den Maßstab nicht zu erfüllen.

Vielleicht ist das die wahre Tragik des Klischees: nicht, dass die Deutschen keinen Humor hätten, sondern dass er ihnen abtrainiert wurde, zusammen mit dem Recht, einfach ein Mensch und unvollkommen sein zu dürfen.



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