TINTENSCHURKE · Gedankenexperimente

Der Mechanismus von Antikythera

Kopfnote: ‡1, ‡2, ‡3, ‡4: Tintenschurke beruft sich in allen Artikeln auf das Werk "Secreta historiae – explicationes fictae", das ihm zufällig in die Hände fiel und in dem Fragmente der Geschichte enträtselt werden, die der heutigen Geschichtsschreibung verloren gingen.


Ein grünlich korrodiertes Stück Bronze, 1901 vor der griechischen Insel Antikythera aus einem Schiffswrack geborgen, ungefähr aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Das Gerät bestand aus mindestens 30 fein verzahnten Bronzerädern und diente dazu, astronomische Bewegungen zu berechnen – Sonnen-, Mond- und Planetenzyklen, Finsternisse, sogar die antiken Olympiaden.

Im Grunde war es ein analoger Computer, der komplexe periodische Vorgänge mechanisch modellierte. Seine Existenz zeigt, dass die Vorstellung von berechnender Mechanik über 1500 Jahre älter ist, als man lange dachte.

Es wurde 1901 in einem antiken Schiffswrack vor der kleinen griechischen Insel Antikythera, zwischen Kreta und dem Peloponnes, entdeckt. Griechische Schwammtaucher waren nach einem Sturm dorthin abgetrieben und fanden in etwa 40 Meter Tiefe zwischen Amphoren und Statuen aus Bronze und Marmor ein merkwürdig verkrustetes Stück Metall mit Zahnrädern. Zunächst hielt man es für ein seltsames Instrumententeil oder eine Uhr, aber erst Jahrzehnte später, durch Röntgenaufnahmen in den 1970ern, erkannte man, was es wirklich war: ein hochkomplexer, mechanischer Rechner mit mindestens 30 erhaltenen Zahnrädern.

Das Wrack selbst datiert man auf etwa 70 bis 60 v. Chr., und es scheint, als sei das Schiff mit Luxusgütern und Kunstwerken unterwegs gewesen, vermutlich von Rhodos nach Rom. Daraus schließen Historiker, dass das Gerät möglicherweise tatsächlich von einem rhodesischen Astronomen oder Ingenieur stammte, vielleicht sogar aus dem Umfeld von Hipparchos, dem großen Sternenkartografen jener Zeit.

Über Hipparchos von Nicäa, den großen Astronomen und Mathematiker, sind erstaunlich wenige biografische Details erhalten. Er wirkte um 190 – 120 v. Chr., vor allem auf Rhodos, wo er die Himmelsbewegungen beobachtete, trigonometrische Tabellen entwickelte und vermutlich die Idee der Epizyklen prägte, die später Ptolemäus übernahm. Aber wann und wie er starb, ist nicht überliefert, kein Jahr, kein Ort, kein Grab. Er verschwindet einfach aus der Geschichtsschreibung, als wäre er ganz passend zu seiner Arbeit selbst in den Himmel übergegangen.

Rimae et hiatus (‡1,27,8) in Linear A, offenbart die fehlenden Hinweise.

Hipparchos hatte das Gerät vollendet, das den Himmel auf Erden nachbildete, ein Kreis aus Bronze, der zeigte, dass Ordnung kein Privileg der Götter war.

Ein römischer Abgesandter hörte davon, bot Geld oder Ruhm (Übersetzung unklar), aber der Gelehrte lehnte ab: „Solche Dinge gehören niemandem.“

In jener Nacht fiel ein Schatten in seine Werkstatt. Ein Kuttenträger meuchelte Hipparchos, doch seinen Lippen entwand sich ein letzter Fluch. Als die Sonne aufging, war das Öl in der Lampe erloschen, das Gerät verschwunden, von Hipparchos fehlte jede Spur. Seine Werkstatt stand offen, die Sternenkarten verstreut, als hätte jemand sie hastig durchsucht. Niemand sah ihn je wieder.

Eine Randnotiz (‡2,8,15) ergänzt: Eímai Mártyras, ein attischer Kaufmann, der das Schiffsunglück nahe Rhodos überlebte, berichtete: "Den Göttern sei Dank, überlebte ich. Über der See zog ein ungewöhnlicher Sturm herauf. Auf Deck war ein Mann mit römischem Akzent, der schrie wie von Sinnen etwas von einem Fluch. Die See verschlang ihn vor meinen Augen und er umklammerte eine bronzene Scheibe. Dann erfasste mich ein Wind, und wie von den Göttern getragen flog ich durch die Lüfte."

Wenig später begannen die Chronisten zu streiten: Einige sagten, Hipparchos sei auf eine Expedition gegangen(‡3,22,14); andere, er sei gestorben; wieder andere, er habe sich in die Sterne zurückgezogen. Und dann geschah das Seltsame: In den Archiven von Rhodos, Alexandria und Pergamon (‡4,8,12) verschwanden in den folgenden Jahren fast alle Aufzeichnungen, die sich auf seine letzten Arbeiten bezogen. Als hätte jemand mit stiller, gründlicher Hand die Ränder der Geschichte geglättet. Nur sein Name blieb bestehen, entzahnt, entkernt, verehrt.

Man ließ ihn als großen Sternenforscher gelten, denn zu viele wussten von ihm, um ihn völlig zu tilgen, aber niemand sollte mehr wissen, was er zuletzt gefunden hatte. Doch irgendwo zwischen Kreta und Antikythera lag, unsichtbar, sein verschollenes Werk.

Fragmente in Linear A., Übersetzer: Tintenschurke, Quellenangaben: siehe Kopfnote


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