Die Quelle: Der heilige Radiergummi
Kopfnote: ‡1, ‡2, ‡3, ‡4: Tintenschurke beruft sich in allen Artikeln auf das Werk "Secreta historiae – explicationes fictae", das ihm zufällig in die Hände fiel und in dem Fragmente der Geschichte enträtselt werden, die der heutigen Geschichtsschreibung verloren gingen.
Chronica pulchre scripta (‡1) - Der heilige Radiergummi
Das vielbändige Werk ist in Minoisch und Linear A verfasst mit Randnotizen in Latein. Es beinhaltet die Glättung der Geschichte, zur Wahrung der Sicherheit künftiger Generationen.
Urprung, soweit bekannt:
In einer dreiwöchigen Prozession gelangten geheime Notizen von Padua nach Rom, wo sie sechs Tage lang exorziert und mit Weihrauch behandelt wurden. Am siebten Tag wurde der ewige Verschluss mit einem allumfassenden Schweigeritual besiegelt.
Secreta historiae – explicationes fictae (‡2):
Correctio oblivionis (‡3), der erste Teil der Schrift, behandelt Anweisungen an Kopisten.
Im zweiten Teil, Rimae et hiatus (‡4), reihen sich ausführlich datierte Passagen über Personen und Ereignisse, die zur Tilgung vorgesehen waren.
Rimae et hiatus (Risse und Lücken) ist eine Sammlung von Fragmenten, die in unserer Geschichtsschreibung nur als unvollständige Rätsel bekannt sind. Einige Historiker gehen davon aus, dass das Schriftstück auf dem Berg Athos zwischenarchiviert wurde – eine Theorie, die mangels Zugangsrechten bislang weder bestätigt noch widerlegt werden konnte. Einigkeit besteht jedoch darüber, dass ein Kopist der Chronica pulchre scripta vermutlich vergessen hatte, die Sammlung nach getaner Arbeit dem ewigen Feuer zu übergeben.
Fragment aus der Correctio oblivionis (‡3)
De disciplina silentii et usu radendi
Nulla scriptura manet, nisi purgata. Memoria est lux, sed lux caecat. Quicquid superfluum relinquis, posteritas inveniet et male interpretabitur.
Es soll kein Wort bestehen bleiben, das nicht gereinigt wurde. Erinnerung ist Licht, doch Licht blendet. Alles, was überflüssig bleibt, wird die Nachwelt finden und falsch deuten.
Ideo mandatum est: radere diligenter, praesertim verba dubia, nomina incerta, opiniones alienas.
Darum ist befohlen: gründlich zu radieren, besonders zweifelhafte Worte, unsichere Namen und fremde Meinungen.
Radere est servare. – Tilgen heißt bewahren.
Fußnote: siehe Kopfnote